Der andere Blick
Seit 38 Jahren arbeitet Kerstin Sittig in Wohngruppen für Kinder und Jugendliche auf dem Campus Wittlaer, mehr als 30 Jahre davon als Teamleiterin. Statt starrer Regeln stehen heute die individuellen Bedürfnisse und die Zukunftsperspektiven der jungen Menschen im Fokus. Dafür lohnt sich jeder Einsatz, auch der gegen übermäßigen Medienkonsum, findet die 58-jährige Erzieherin. Damit letztlich alle ihren Platz im Leben finden.
Kerstin Sittig hat jenen Tag noch genau vor Augen: Es war der 1. August 1988, als sie das erste Mal mit ihrem gelben VW Käfer auf den Johannes-Karsch-Weg einbog. Die Erzieherin befand sich auf dem Weg zu ihrer ersten Wohngruppe der Graf Recke Stiftung auf dem Campus in Düsseldorf-Wittlaer. »Die Jugendlichen kamen gerade zurück vom Gruppeneinkauf«, erinnert sie sich. 20 Jahre alt war sie damals, nur drei Monate älter als der älteste Bewohner, und entsprechend nervös. Doch nicht allzu lange. Hier, im Düsseldorfer Norden, sollte sie rasch ihre berufliche Heimat finden. Denn so viel sich innerhalb von knapp 38 Jahren in der Jugendhilfe geändert haben mag, vieles ist auch geblieben. Kerstin Sittig zum Beispiel.
Dabei war ihre berufliche Karriere schon beinahe zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Ihre Ausbildung hat sie in einer Kindertageseinrichtung gemacht. »Im zweiten Jahr wollte ich alles hinschmeißen, weil ich den menschlichen Umgang dort nicht gut fand«, berichtet Kerstin Sittig. Ein Praktikum im Kinderheim Egge in ihrer Heimatstadt Witten aber habe sie bewogen, durchzuhalten. »Das hat mich sehr beeindruckt, ich wurde sofort als vollwertiges Teammitglied anerkannt.« Und so stand für sie schnell fest, wo sie sich beruflich nach dem Abschluss sehen würde: in einer Wohngruppe im Kinder- und Jugendbereich.
Eine einzige Bewerbung hat die frischgebackene Erzieherin damals geschrieben – »und die Chance bekommen«. Die Stiftung sei damals noch viel kleiner gewesen, macht sie deutlich. »Das hat dazu geführt, dass neben dem Heimleiter auch Pfarrer Salzmann, der damalige theologische Vorstand, das Einstellungsgespräch mit mir geführt hat, mit einer angehenden Mitarbeiterin im Gruppendienst.« Sittig schmunzelt, wenn sie daran zurückdenkt. Aber so war das damals eben. Und mutig war die junge Frau obendrein: »Ich habe mich getraut, zuzugeben, dass ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe. Aber ich wollte aufrichtig sein, es wurde belohnt.«
Nur mit Ausgangsschein nach draußen
Die Arbeit allerdings war völlig anders als die während ihres Praktikums in Witten. Ein Ehepaar, das direkt neben der Wohngruppe lebte, leitete diese gemeinschaftlich im 24-Stunden-Dienst, Kerstin Sittig war die Ergänzungskraft. »Es war alles sehr, sehr reglementiert, damit hatte ich meine Schwierigkeiten.« Was ihr besonders in Erinnerung blieb: »Die Jugendlichen bekamen von uns ausgefüllte Ausgangsscheine, wo draufstand, wer sie sind und wie lange sie draußen sein dürfen. Wer nur zwei Minuten überzogen hat, musste mit Konsequenzen rechnen.« Heutzutage undenkbar, und die Pädagogin fand das damals schon völlig überzogen, wie sie sagt.
Teilhabe und Mitbestimmung der jungen Menschen und ihrer Familien, all das fand in dieser Zeit kaum statt, auch Kontakte nach außen waren selten: Telefoniert wurde über die Zentrale, jeder Anruf musste begründet werden. So habe man kaum Kontakt zum Jugendamt gehabt, geschweige denn zu den Eltern, berichtet Kerstin Sittig. Man sei zum Schwimmen nach Kaiserswerth gefahren, das schon. Aber nicht etwa zum Klamottenkaufen, dafür gab es die stiftungseigene Kleiderkammer. »Die Auswahlmöglichkeiten waren begrenzt«, fasst sie mit leichter Ironie zusammen.

Doch bald stand bei der Erzieherin eine ganz persönliche Veränderung an: Sie wurde schwanger. Nach der Geburt ihres Sohnes habe sie zunächst 1990 als Mitarbeiterin in der damaligen Wohngruppe 3b angefangen, die dann in N1 umbenannt wurde, später in Wohngruppe Kompass. Die Namensänderungen dokumentieren zugleich das sich verändernde pädagogische Konzept, an dem Kerstin Sittig nicht ganz unbeteiligt ist.
Die heute 58-Jährige leitet seit mittlerweile gut 30 Jahren die Regelwohngruppe für acht Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren, dazu die zwei angegliederten Apartments zur schrittweisen Verselbstständigung junger Erwachsener; auch ihr Team ist über die Jahrzehnte im Kern zusammengeblieben. Darauf sei sie sehr stolz, sagt sie. Man habe zusammengehalten, durchgehalten, egal wie die Entwicklung war. »Wir haben Resilienz erfunden«, meint sie mit einem Lachen. Das Schöne sei ja, dass man positiv Einfluss nehmen könne auf Dinge, die nicht so gut laufen. Mehr noch: »Das ist unser aller Aufgabe.«
Wir haben Resilienz erfunden.
Nach Holland statt nach Bielefeld
Das bewies Kerstin Sittig bereits 1991, als sie zunächst die kommissarische Leitung der reinen Jungengruppe übernahm, nachdem die damalige Leiterin ausgefallen war. »Ich habe mich verantwortlich gefühlt. Und wollte auch beweisen, dass ich das kann«, erklärt sie ihren Drang, früh Verantwortung zu übernehmen. Ihre erste Maßnahme: Sie stellte die Tische im Esszimmer zusammen. »Zum ersten Mal saßen wir alle am selben Tisch, das ist bis heute so geblieben.« Zudem musste nicht mehr jeder morgens um Punkt sieben beim Frühstück sein. Wenn es der Schulbeginn zulasse, solle jeder die Möglichkeit bekommen, im eigenen Tempo wach zu werden und in den Tag zu starten, findet sie.

Auch die jährlichen Ferienfreizeiten in Bielefeld waren in der Kompass-Gruppe ab sofort Geschichte. »Wir sind im ersten Jahr nach Holland zum Zelten gefahren«, erzählt Kerstin Sittig. Was damals nicht so einfach war. Zehn Mark pro Monat habe man pro Kind gehabt für Unternehmungen, für Kino, Schwimmen, Ausflüge. Heute sei das Budget größer, man dürfe es zudem selbst verwalten. »Wir können für größere Aktionen auch mal ansparen«, so die Teamleiterin. Mittlerweile war die Gruppe mehrfach in Kroatien, auch in Ungarn oder Norwegen. Zwei »Abenteuerferienfreizeiten« standen zudem auf dem Programm, im slowakischen Paradies, wie sie es nennt, »mit Wandern und Hinaufklettern an Felswänden, vorbei an Wasserfällen«. Kurzum: »Unsere Jungs sollen was erleben.«
Damit spricht die Erzieherin zugleich eine der größten Veränderungen an, die sie bei den jungen Leuten selbst über die Jahre beobachtet hat: Damals hätten die meisten ihre Freizeit gerne draußen verbracht, in der Gruppe bleiben zu müssen, sei als Strafe empfunden worden, sagt Kerstin Sittig. Heute sei es andersrum. »Ich muss an meine Konsole, alle meine Freunde sind da«, diesen Satz hört sie häufig. Es sei pädagogisch zugleich eine große Herausforderung, diesem Drang durch Angebote etwas entgegenzusetzen. Ohne Medienregeln gehe gar nichts. »Früher hatten wir einen Freizeitpädagogen, heute einen Medienbeauftragten.« Sie seufzt. So hilfreich Technologie im Leben sein könne: »Mir erscheint die Kindheit ohne den Einfluss der ganzen Medien unbeschwerter«, so Kerstin Sittig.
Info
Hier geht's zur ganzen Ausgabe der recke:in 1/2026
Arbeiten an einer Zukunftsperspektive
Doch auch ihr Blick auf die Pädagogik hat sich geändert, schon durch Berufs- und Lebenserfahrung. Vieles sei zudem professioneller geworden. Das betreffe nicht allein die zunehmenden Dokumentationspflichten, die, so mühsam sie sein mögen, letztlich den jungen Menschen zugutekommen. In ihren Anfängen habe man zudem vor allem den Moment bearbeitet. »Das war der Zeitgeist«, erklärt Kerstin Sittig. Heute arbeite man an einer Zukunftsperspektive. »Wer hier weggeht, ob nach einem oder sieben Jahren, soll wissen: Wohin gehe ich? Und wofür lohnt es sich zu kämpfen? Das wollen wir nicht dem Zufall überlassen.«

Dafür sei es notwendig, dass man auf die Probleme der Einzelnen schaue, aber genauso auf das Gelungene. Dabei hilft Kerstin Sittig eine Eigenschaft, die sie von Anfang an mitbrachte: »Ich war schon immer eine Optimistin«, sagt sie. Dazu sei Loyalität für sie ein wichtiger Wert. Auch in schwierigeren Zeiten habe sie sich immer mit Graf Recke verbunden gefühlt, weggehen war nie eine Option. Und so ist, bei aller Veränderung, der Grundgedanke ihrer Arbeit über die Jahrzehnte stets der gleiche geblieben: Sie wolle, dass die jungen Menschen sich gemocht und wertgeschätzt fühlen. »Sie sollen Wurzeln bekommen, Halt. Damit sie ihren Platz im Leben finden.«

