Mehr Mitsprache, mehr Verantwortung

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Moderne Kinder- und Jugendhilfe hat mit den Heimstrukturen von früher nicht mehr viel zu tun. Mitbestimmung gehört für die Bewohnerinnen und Bewohner wie auch die pädagogischen Fachkräfte in den Wohngruppen der Graf Recke Kinder- & Jugendhilfe, inzwischen selbstverständlich dazu. Auch wenn sie für beide Seiten nicht immer bequem ist.

Was er denn am liebsten essen möchte, darüber hat sich Nino vor zehn Jahren »keine Gedanken gemacht«, als er in seine erste Wohngruppe der heutigen Graf Recke Kinder- & Jugendhilfe, eingezogen war. »Da wurde gegessen, was auf den Tisch kam«, berichtet der 21-Jährige mit einem Grinsen. Das hat sich geändert, als er in seine zweite Gruppe gewechselt war. In dieser habe es ein Catering gegeben, und man habe aus sieben Menüs auswählen können, erzählt er. Ein Vorteil, zweifellos, aber nicht nur. »Wenn ich drüber nachdenke, war es chilliger als heute«, meint Nino. Jetzt müsse er sich damit auseinandersetzen. Mitbestimmung sei nicht immer bequem, »und auch mehr Verantwortung«.

Dabei ist die Sache mit dem Mittagessen noch eines der einfacheren Dinge, darin ist sich Nino mit Leonie einig. Und dennoch haben sich die beiden dafür entschieden, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen und sich im Kinder- und Jugendrat zu engagieren. Leonie, die seit drei Jahren in einer Duisburger Wohngruppe lebt, will sich »für andere Kinder einsetzen«, wie sie sagt. Mehr noch: Gemeinsam mit Nino und einem weiteren Mädchen, das beim Interview krankheitsbedingt fehlte, gehört die 15-Jährige zum Sprecherteam des 20-köpfigen Gremiums. »Wir wollen uns dafür starkmachen, dass jeder gehört wird«, erklärt Nino seinen Einsatz. »Und ich habe das Gefühl, dass ich als Sprecher noch mehr gehört werde, weil ich auch die Meinungen anderer Kinder und Jugendlicher vertrete.«

Das tun sie im Namen des gesamten Rats, für den sie mittlerweile in vielen Qualitätszirkeln und Arbeitskreisen vertreten sind, insbesondere auch dem Arbeitskreis Partizipation. »Das ist neu«, sagt Christian Fischer, der als pädagogische Fachkraft den Kinder- und Jugendrat begleitet und unterstützt. Primäres Ziel sei es, Kinder und Jugendliche an allen Prozessen zu beteiligen. »Sie sitzen zusammen mit den Fachkräften und haben dasselbe Rederecht«, macht er deutlich. »Falls Fragen offen sind, werden diese dann im Gesamtgremium besprochen.« Und so wie beim Mittagessen setze man sich auch bei diesen Themen dann zusammen, diskutiere, stimme ab und komme zu einem Ergebnis, meint Leonie mit Überzeugung. »Das geht«, schiebt sie hinterher.

Gemeinsame Entscheidungen

Genau so sei es auch gedacht, betont Simone Kern. Wie Eltern verstärkt an Belangen ihrer Kinder beteiligt werden, haben auch deren Kinder mehr Mitspracherecht. »Es ist im Grunde eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe«, erläutert die Familientherapeutin aus der Fünf-Tage-Gruppe »Take5« am Campus Wittlaer. »Eltern als Experten für ihr Kind«, sagt sie. Die Kinder wiederum vertreten sich in diesem Sinne in eigener Sache. Was sich seit Jahrzehnten entwickelt hat, fußt seit 2021 auf einer rechtlichen Grundlage: dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG). Dieses sieht vor, dass Kinder für sich und ihr Leben Verantwortung übernehmen. Eltern indes haben einen Rechtsanspruch auf Beratung, Unterstützung und Förderung ihrer Beziehung zum Kind.

Für Simone Kern nicht ohne Grund: Für sie bildet die Familie ein soziales System ab, in dem jedes Mitglied eine Funktion und entsprechenden Einfluss hat. Sie vergleicht das gerne mit einem Mobile: Wenn man ein Teil rausnehme, verändere sich das Gefüge. »Alle sind eine wichtige Ressource«, verdeutlicht die Familientherapeutin. Es sei von Bedeutung, »dass sie ihre Perspektiven und Kompetenzen mit einbringen«. Die Kinder erlebten dadurch ihre Eltern auch noch mal anders, entwickelten im Idealfall eine Akzeptanz für deren Situation. In ihrer Arbeit sei sie daher immer sehr transparent. »Wir suchen bei Problemen gemeinsame Lösungen, dann werden sie in der Regel auch viel eher mitgetragen«.

Wir suchen bei Problemen gemeinsame Lösungen, dann werden sie in der Regel auch viel eher mitgetragen.

Simone Kern

Eine Erfahrung, die Kerstin Sittig genauso macht. »Die Kinder und Jugendlichen haben eine ganz andere Motivation, mitzuarbeiten«, sagt die Teamleiterin der Wohngruppe Kompass zum Thema Mitbestimmung. Sicherlich, das sei im Vorfeld anstrengender, man müsse zunächst viel Überzeugungsarbeit leisten, räumt sie ein. »Ich muss ja schauen, welchen Weg sind sie bereit mitzugehen. Wenn es zum Beispiel um die Zukunft geht, den Schulabschluss etwa.« Letztlich aber werde es leichter, weil sie eher mitziehen, als wenn über ihre Köpfe hinweg entschieden würde. Die Grenze sei allenfalls dann erreicht, wenn es um das konkrete Kindeswohl gehe: »Da endet Partizipation und beginnt der Schutzauftrag«, sagt die Erzieherin. »Aber dann muss ich eben erklären, warum der Junge nicht mit der dünnen Jacke rausdarf. Auch mehrfach, wenn es sein muss.« 

An den Regeln beteiligt

Für Christian Fischer ist diese Form der Mitbestimmung grundlegend: »Das ermöglicht auch Beziehungen zwischen uns und den Jugendlichen«, sagt der Pädagoge. So ist es üblich, dass diese ihren Hilfeplan aktiv mitgestalten, indem sie Ziele formulieren und mitentscheiden, welche Form der Unterstützung sie möchten. Auch ihre eigene Dokumentation dürfen sie einsehen. Leonie hat dieses Recht vor einigen Monaten zum ersten Mal in Anspruch genommen. »Das war krass, weil mein Verhalten so krass war«, wie sie im Nachhinein eingesteht. Ein zweiter Versuch endete indes enttäuschend: »Ich wollte über eine andere Person was herausfinden«, verrät sie. Das habe aber nicht geklappt. »Was andere betrifft, wird in den Dokumenten geschwärzt, aus Datenschutzgründen. Aber das ist ja auch richtig so.«

Und so kümmert sich die Jugendliche gemeinsam mit den anderen Mitgliedern vom Kinder- und Jugendrat lieber wieder um Dinge, die sie voranbringen. Ein aktuelles Thema ist die Campusgestaltung in Wittlaer und im Dorotheenviertel Hilden. Dazu habe man eine Umfrage gemacht, Ideen gesammelt und das Feedback an den Fachbereich weitergeleitet, berichtet Christian Fischer. Ein Vorschlag ist ein Pavillon mit guter Internetverbindung, in dem sich die jungen Leute treffen können. »Das fände ich gut«, wirft Leonie ein. Und auch Nino stimmt zu: »Das Wichtigste wäre wirklich ein Treffpunkt, damit die Leute einen Anker haben«, sagt er. Bislang gebe es nämlich kaum solche Angebote. »Immer dann, wenn Langeweile aufkommt, rotten sich Jugendliche zusammen. Und dann entstehen ungewollte Dynamiken«, umschreibt Christian Fischer die aktuelle Situation.

Uneingeschränkt positiv finden Leonie und Nino, dass sie auch an anderen Formen der Veränderung aktiv beteiligt werden. An der Aufstellung der Regeln, die in ihrer Wohngruppe gelten, zum Beispiel. Für Nino, auf dem Weg zur Verselbstständigung, gibt es etwa bei Besuchen prinzipiell keine Einschränkungen mehr. Auch für Leonie sind die Besuchsregeln zuletzt gelockert worden. In ihr Zimmer kommt zudem niemand rein, ohne zu klopfen, berichtet sie. Für Christian Fischer ist das bei einer knapp 16-Jährigen eine Selbstverständlichkeit: »Kinder und Jugendliche genießen Rechte. Dann gilt auch das Recht auf Privatsphäre«, sagt er. Andererseits gelte im Gegenzug die Verpflichtung auf gegenseitige Rücksichtnahme. »Da schließt sich der Kreis.«

Info

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Selbstwirksamkeit spüren

Kompass-Teamleiterin Kerstin Sittig jedenfalls ist glücklich mit der Entwicklung, weg von den starren Reglementierungen aus ihren Anfängen in der Jugendhilfe Ende der Achtzigerjahre. »Kinder können heute viel mehr Selbstwirksamkeit spüren, sie fühlen sich gesehen.« Noch sei das allerdings nicht bei allen Beteiligten angekommen, wie Simone Kern aus Gesprächen mitgenommen hat. Das betrifft im Zweifel Kinder und Eltern genauso wie pädagogische Fachkräfte. »Aber es entwickelt sich, auch bei mir selbst«, meint die Familientherapeutin. »Jeder sollte sich hinterfragen: Bin ich offen für Reflexion?« Denn in einem ist sie sich sicher: »Wir können alle nur miteinander.«

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