Was hilft den Menschen sich nachhaltig zu verhalten?
Welche Rahmenbedingungen benötigen Menschen und Organisationen, um umweltfreundlich und nachhaltig zu agieren? Welche Faktoren helfen dabei, schlechte Gewohnheiten zu überwinden und neue einzuüben? Darüber sprechen Dr. Roelf Bleeker und Stella Volkenand mit der Umweltpsychologin Susanne Mauersberger vom Wandelwerk e.V. und Eva Lunkenheimer, Nachhaltigkeitsmanagerin der Graf Recke Diakonie.
Bleeker: Was macht eine Umweltpsychologin, Frau Mauersberger?
Mauersberger: Als Umweltpsychologin befasse ich mich damit, wie wir aus psychologischer Sicht umweltschützendes Verhalten fördern können. Es geht dabei um den eigenen Alltag, aber auch um gemeinschaftliches Engagement.

Bleeker: Und was macht das Wandelwerk?
Mauersberger: Das Wandelwerk bringt Erkenntnisse aus der umweltpsychologischen Forschung dorthin, wo sie gebraucht werden, nämlich in die Praxis. Das machen wir in Vorträgen, in Workshops und mit Bildungsmaterialien wie unseren Handbüchern.
Info
Susanne Mauersberger befasst sich seit mehr als zehn Jahren mit Umweltthemen. Sie hat Psychologie in Düsseldorf und Umweltpsychologie in Magdeburg studiert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete sie erst an der Fachhochschule Dortmund und koordiniert nun für das Unternehmen GREENZERO die Themen Bildung und Beteiligung. Daneben engagiert sie sich mit anderen Aktiven aus Psychologie und Nachhaltigkeitswissenschaften im Wandelwerk. Der Verein leistet Bildungsarbeit an der Schnittstelle von Forschung und Praxis und verbindet die Psychologie mit der Klimagerechtigkeits-Bewegung.
Volkenand: Umweltpsychologie zielt also darauf ab, Voraussetzungen für umweltfreundliches Verhalten zu schaffen?
Mauersberger: Genau. Wenn wir uns fragen, was es für umweltfreundliches Verhalten braucht, fällt vielen schnell das Thema Infrastruktur ein: Der Bus muss fahren, damit ich ihn nehmen kann. Das ist klar, aber es gibt eben auch psychologische Hebel, die beeinflussen, ob ich den Bus nehme oder mich doch ins Auto setze. Es sind am Ende immer Menschen, die sich entscheiden oder verhalten. Daher ist auch die Psychologie gefragt.
Bleeker: Es könnte Leute geben, die sagen, das sei manipulativ.
Mauersberger: Dahinter steckt ja der Vorwurf, dass man etwas macht, was die Menschen nicht wollen oder was ihnen schadet. Aber viele Menschen wollen sich zum Großteil nachhaltiger verhalten. Es scheitert dann nicht am Durchhaltevermögen, sondern daran, dass nachhaltiges Verhalten häufig erschwert wird. Wenn man diese Barrieren abbaut, auch die psychologischen und am besten transparent, befähigen wir, statt zu manipulieren.
Lunkenheimer: Gerade wenn man bei den Menschen ansetzt, die schon eine gewisse Motivation für das Thema mitbringen, würde ich es nicht als Manipulation sehen, sondern eher als Unterstützung auf dem Weg. Das sehen wir in der Graf Recke Diakonie auch häufig: Wir haben viele Mitarbeitende, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit privat auseinandersetzen, aber sie stoßen an gewisse Hürden im Arbeitsalltag. Da geht es oft um Zeitdruck bei der Versorgung und Sicherheit der Klientinnen und Klienten. Hier kann das Thema Umweltpsychologie gut ansetzen, indem man überlegt: Was brauchen diese Personen, um das Verhalten zu ändern, wenn schon grundsätzlich eine Offenheit dafür da ist?
Info
Eva Lunkenheimer ist Biologin mit einem Master in Nachhaltigkeit und seit 2024 Nachhaltigkeitsmanagerin der Graf Recke Diakonie. Zuvor war sie fünf Jahre lang Mitarbeiterin der Unternehmenskommunikation.
Bleeker: Was zuletzt ja auch immer wieder diskutiert wurde, ist wegzukommen von Negativ-Szenarien. Nach dem Motto: Wenn das alles so furchtbar ist, dann ist doch sowieso alles egal.
Mauersberger: Es ist nicht unbedingt die beste Strategie, schockierende Videos darüber zu zeigen, wie schlimm alles in zehn Jahren sein könnte. Was dann passiert, ist, dass Menschen eher hoffnungslos und überfordert sind, aber nicht ins Handeln kommen. Hilfreich ist so etwas nur, wenn es um ein noch unbekanntes Problem geht. Und auch dann ist es nötig, diese Hoffnungslosigkeit einerseits zu besprechen und andererseits aufzuzeigen, was wir konkret tun können.

Volkenand: Wie kann man denn hoffnungsvoll bleiben?
Mauersberger: Hoffnung ist aus psychologischer Sicht gar nicht so leicht zu fassen. Ist das eine Emotion, eine Art erwartete Selbstwirksamkeit oder ein mentaler Schutzfaktor? In jedem Fall gibt es unglaublich viele Geschichten des Gelingens, die wir gar nicht mitbekommen. Sich mit diesen zu befassen und dann selbst gemeinsam mit anderen aktiv zu werden, ist meine Empfehlung für Hoffnung in krisenhaften Zeiten.
Lunkenheimer: Ganz oft sind es bei uns auch diese kleineren Projekte, die Sichtbarkeit brauchen. Die entstehen oft in Zusammenarbeit von Mitarbeitenden oder gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten und sind ganz nah an unserer Kernarbeit. Wenn wir zum Beispiel darüber berichten, dass in einer Pflegeeinrichtung ein Insektenprojekt ins Leben gerufen wurde, dann passiert es, dass ich angesprochen werde von anderen Einrichtungen, die fragen: »Können wir so was nicht auch machen?«
Es gibt unglaublich viele Geschichten des Gelingens, die wir gar nicht mitbekommen.
Bleeker: Was sind aus psychologischer Sicht die Voraussetzungen, um Veränderungen erreichen zu können?
Mauersberger: Ich erkläre das immer gern mit diesem Dreiklang: Da ist erstens der innere Kompass, der mir zum Beispiel sagt, ob ich Lebensmittel wegwerfen soll oder nicht. Dafür ist relevant, ob ich verstehe, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln ein Problem ist. Das zweite sind soziale Normen. Wenn es in meinem Umfeld normal ist, Speisereste einzufrieren statt wegzuwerfen, dann wird das auch für mich selbst eher Normalität. Der dritte Hebel ist die Kosten-Nutzen-Frage: Ist mir bewusst, dass ich Geld und Zeit spare, wenn ich Speisereste für später einfriere? Oder denke ich nur an den Aufwand, die Reste umzufüllen?
Lunkenheimer: Du beschreibst das ja jetzt für Privatpersonen, aber das könnte man nach meinem Verständnis gut übertragen, beispielsweise auf Teams bei uns in der Organisation.
Mauersberger: Von individuellem Verhalten kommen wir dann zum gemeinschaftlichen Handeln. Wir orientieren uns auch hier wieder stark an anderen. Wenn wir uns als Mitglied einer Gruppe identifizieren, übernehmen wir nämlich teils auch die Normen dieser Gruppe. Das Spannende: Viele Menschen identifizieren sich mit ihrem Job besonders stark. Wenn eine Organisation sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, setzt das also eine Norm, an der sich auch die Mitarbeitenden ein Stück weit orientieren.
Lunkenheimer: Absolut. Nachhaltigkeit ist ja eines der strategischen Ziele der Graf Recke Diakonie. In der sozialen Arbeit verstehen wir Nachhaltigkeit immer mehr als Qualitätsfaktor und Zukunftsfähigkeit unserer Arbeit. Die Haltung ist schon da bei uns, aber wir sind sehr groß, haben 4.200 Mitarbeitende, und diese Haltung muss sich natürlich verbreiten bis ins operative Geschäft. Auf der anderen Seite arbeiten wir an großen infrastrukturellen Gegebenheiten und Hebeln und sorgen dafür, dass gewisse Prozesse Nachhaltigkeit von Anfang an integrieren. On top fördern wir das Engagement und die Motivation einzelner Mitarbeitender und binden sie ein. Wir arbeiten daran, Projekte zu etablieren, bei denen Mitarbeitende sich einfach möglichst niederschwellig selbst einbringen und diese Selbstwirksamkeit erleben können.
Info
Hier geht's zur ganzen Ausgabe der recke:in 1/2026
Mauersberger: Genau, es macht einen Unterschied, wenn ich mitgestalten und einen Beitrag leisten kann. Positiv ist zudem, wenn ich dabei in ein größeres Ganzes eingebunden bin. Selbst wenn das Projekt, bei dem ich mich beteilige, nur eine kleine Wirkung hat, hat die Diakonie als Ganzes viele Projekte und kann etwas bewirken.
Volkenand: Was sind konkrete Ergebnisse, die wichtig sind, um im Prozess motiviert zu bleiben?
Mauersberger: Sichtbare Ergebnisse, zum Beispiel der angelegte Blühstreifen, tun natürlich gut. Bei aller Liebe für Herzensprojekte ist es aber wichtig, dass auch die großen Themen angegangen werden, wie energetische Sanierung oder Klimaanpassungsmaßnahmen.
Lunkenheimer: Wir haben einen starken Einfluss im positiven Sinne. Wenn wir es schaffen, auf Organisationsebene auch in das Private hineinzuwirken, und sei es nur mit Kleinigkeiten, was Verhaltensänderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit angeht, dann finde ich, haben wir wirklich einen großen gesellschaftlichen Einfluss.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit wird in der Graf Recke Diakonie zurzeit zunehmend systematisch verankert. Aktuell arbeiten wir an unserem ersten Nachhaltigkeitsbericht und schaffen die Datengrundlage, um unsere Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft besser zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Dazu gehören unter anderem Treibhausgasbilanzierungen an ausgewählten Standorten sowie Maßnahmen zur Energie- und Ressourceneffizienz. Ein Beispiel ist die neue Photovoltaikanlage in der Senioreneinrichtung Zum Königshof in Düsseldorf-Unterrath.
Gleichzeitig setzen wir auf sichtbare Projekte vor Ort, etwa naturnah gestaltete Außenflächen oder Nisthilfen für Insekten am Walter Kobold-Haus in Wittlaer und im Dorotheenviertel Hilden. So verbinden wir langfristige strukturelle Veränderungen mit konkreten Projekten, die nachhaltigen Wandel für Mitarbeitende sowie Klientinnen und Klienten im Alltag sichtbar machen.
Eva Lunkenheimer
