Alle in Bewegung
Der 2022 von Mitarbeitenden der Graf Recke Diakonie gegründete Einbrunger Sport- und Freizeitverein e.V. ist weit mehr als ein Angebot für Kinder und Jugendliche aus den Wohngruppen in Düsseldorf-Wittlaer und Hilden. Als inklusiver Verein bringt er diese zusammen mit Nachbarn, Freunden, Kita-Kindern; ob beim Karate, Basketball oder bei Bewegungsspielen. Der Spaß und das gemeinsame Erleben stehen im Mittelpunkt, der sportliche Erfolg kommt quasi obendrauf.
Bis vor gut zwei Jahren war Karate für Amina nicht mehr als eine rätselhafte Kampfsportart, „und ganz sicher nichts für mich“, sagt sie. Doch mittlerweile hat nicht nur die 13-Jährige die japanische Kampfkunst für sich entdeckt, auch ihre zwölfjährige Schwester Safa ist längst infiziert. Das liege vor allem an ihren Trainern, schwärmt diese an diesem Nachmittag in der Turnhalle der Graf-Recke-Schulen in Düsseldorf-Wittlaer und erntet Zustimmung bei Amina. Sie spürt hier „echte Family-Vibes“, wie sie sagt – und bringt damit wiederum Dimitra Georgiou ins Schwärmen.

Denn Dimitra Georgiou ist hauptberuflich Fachaufsicht im Fachbereich Intensiv der Graf Recke Kinder- und Jugendhilfe und mittlerweile nicht nur selbst begeisterte Karateka; sie ist zudem Vorsitzende des vor rund dreieinhalb Jahren ins Leben gerufenen Einbrunger Sport- und Freizeitvereins e.V. Dieser soll insbesondere den Kindern und Jugendlichen aus den umliegenden Wohngruppen ein Angebot für ihre Freizeitgestaltung machen, ermöglicht durch das ehrenamtliche Engagement der Übungsleiterinnen und Übungsleiter. Dazu ist er als inklusiver Verein offen für Freunde, Nachbarn und Mitarbeitende. Dass das alles so wunderbar funktioniert, begeistert Georgiou. „Es ist so toll, wie sie das machen.“
Nicht nur sportlich eine Entwicklung
Gemeint sind in diesem Fall Ilhame El Marnissi und ihr Mann Mohamed El Karrouch, zuweilen unterstützt von deren erwachsenen Söhnen; allesamt Dan-Träger und wettkampferfahrene Karateka. Gemeinsam fungieren sie als Trainerteam, in Wittlaer und auch am Campus in Hilden. „Wir hatten damals für unsere Söhne etwas gesucht und sind gemeinsam ins Karate reingewachsen“, erläutert Ilhame El Marnissi ihren Weg zur Meisterschaft in diversen Schlag-, Stoß- und Tritttechniken. Zuvor fungierte sie bereits bei einem anderen Verein als Trainerin. Als der Karate-Dachverband ihr dann eine inklusive Trainerausbildung angeboten hat, habe sie sofort zugesagt. Aus gutem Grund: Seit rund zehn Jahren arbeitet die 42-Jährige als Inklusionsassistentin bei der Stiftung. „Und ich dachte, es muss doch auch etwas für unsere besonderen Kinder geben.“ Der Einbrunger Sport- und Freizeitverein war die Antwort.
Ihre erste Aufgabe sieht Ilhame El Marnissi darin, „Struktur in das Leben der Kinder zu bringen, eine gewisse Regelmäßigkeit“, wie sie sagt. „Das geht über Beziehung; zu uns und zu den anderen. Wir sind eine Gemeinschaft.“ Das gelinge, ähnlich wie bei der Schulbegleitung, dadurch, dass sie angenommen werden und sich geborgen fühlen. „Auch wenn sie mal einen schlechten Tag hatten. Am Ende des Trainings sehe ich sie wieder lächeln“, freut sich El Marnissi. Zudem sehe sie deren Entwicklung, nicht nur die sportliche. Beim Karate stehe der Respekt voreinander im Zentrum, zudem das Einhalten von Regeln. Das sei es, was die Kinder auch im Leben weiterbringe.
Das geht über Beziehung; zu uns und zu den anderen. Wir sind eine Gemeinschaft.
Entschieden wird immer gemeinsam
Ömer Can sieht das ganz ähnlich. Der angehende Sportlehrer arbeitet für den Verein als Übungsleiter am Campus der Kinder- und Jugendhilfe in Hilden und hat „sofort gemerkt, dass die Kinder anders drauf sind als an einer Regelschule“, wie er sagt. „Sie sind mehr emotional gesteuert, werden schnell impulsiv.“ In seinem Angebot „Spiel & Bewegung – Gemeinsam aktiv“ für Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren aus den umliegenden Wohngruppen gibt er diesen deshalb bewusst Freiheiten. In den offenen 15 Minuten zu Beginn sollen sie sich ruhig austoben, ob mit dem Basketball oder auf dem Rollbrett. „Dann treffen wir uns im Kreis und entscheiden gemeinsam, was wir spielen wollen“, so der 26-Jährige. „Das funktioniert besser, als wenn ich etwas vorgeben würde. Ich möchte, dass die Kinder sich entfalten können, eigene Entscheidungen treffen.“

Seit gut vier Monaten ist die zehnjährige Josephine immer freitags mit Begeisterung dabei. „Ich turne meistens oder spiele mit den anderen“, erzählt sie. Auch Seilspringen macht ihr Spaß, wie sie sofort unter Beweis stellt. Wenngleich sie heute lediglich auf 15 Sprünge kommt, habe sie auch schon 40 am Stück geschafft. Ihr gefalle das besser als in der Schule, sagt sie, vor allem die vielen Spiele. Für Jason ist das ebenfalls ein Grund, warum er in die Hildener Turnhalle kommt. Der Zehnjährige, der seit 2025 in der Wohngruppe Kido lebt, mag vor allem Zombie-Ball und Sitzfangen. Heute aber bringen er und die anderen Kinder ihrem Übungsleiter „Ente-Ente-Gans“ bei, ein lustiges Fangspiel. Dass sie ihrem Trainer immer wieder entwischen, bereitet den Kids sichtlich Freude. Genauso wie die Basketball-Challenge vor Kurzem. Die elfjährige Lucia hatte damals tatsächlich mehr Körbe geworfen als Can. „Und dafür gab‘s dann beim nächsten Mal Süßigkeiten für alle.“
Darauf kommt es Ömer Can vor allem an: Die Kinder in Bewegung bringen – und letztlich glücklich machen. „Es war immer mein Traum, mit Kindern zu arbeiten“, sagt er, der neben dem Sportstudium auch bereits als Vertretungslehrer Praxiserfahrung sammelt. Die jeweils 10 bis 15 Kinder in Hilden liegen ihm jedoch besonders am Herzen. Es sei „eine bunte Truppe, und meistens geht’s auch gut“, meint er mit einem Schmunzeln. Den einen oder anderen Ausraster nimmt er gelassen hin. Er versuche, sich in die Kinder hinein zu fühlen, auf sie einzugehen, erklärt er seinen Ansatz. Was ihm nicht allzu schwerfalle. „Ich habe mich als Kind selbst oft nicht verstanden gefühlt.“
Scheine für Vereine
Der Einbrunger Sport- und Freizeitverein freut sich, wenn Sie ihn bei der Aktion „Scheine für Vereine“ unterstützen. Die Aktion läuft vom 7. September bis zum 11. Oktober 2026.
Alle Infos unter:
Verstanden werden, sein dürfen – das steht grundsätzlich hinter dem 2022 gegründeten Verein: Er soll eine Alternative bieten für Kinder und Jugendliche, denen es „aufgrund von Beeinträchtigungen in ihrer sozial-emotionalen und teilweise auch geistigen Entwicklung nicht möglich ist, an Angeboten regulärer Sportvereine teilzunehmen“, wie man auf der Internetseite verdeutlicht. Zugleich aber ist es auch ein inklusives Projekt, das Mitarbeitende der Graf Recke Diakonie und die Nachbarn in Hilden und Düsseldorf ansprechen soll. Sogar die Kleinsten aus den Graf-Recke-Kitas machen mit.
Training in der „Wohlfühloase“
Nachbar Christian Bergmann etwa kommt seit eineinhalb Jahren mit seiner zwölfjährigen Tochter Karla regelmäßig zum Karate-Training in Wittlaer. „Ich mag das Konzept, dass alle willkommen sind“, begründet er den Vereinsbeitritt. Seine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Er nennt die Trainingsgruppe „eine Wohlfühloase“. Dabei denke er allerdings immer auch an die nächsten Gürtelprüfungen. Das sei „der kleine Wettbewerb in der Gruppe“ – und seine Art des Dankes an das großartige Trainerteam, wie er sagt. „Wie die Kinder hier aufblühen, das ist etwas Gigantisches.“
Die Vereinsvorsitzende Dimitra Georgiou freut sich sehr über das Lob. Anfangs habe sie lediglich die Kinder begleiten wollen, und dann entschieden, selbst mitzumachen. „Jetzt bin ich richtig dabei und versuche den Kindern nachzueifern“, erzählt sie. Für diese sei das ebenfalls etwas Besonderes, sie spornten sie immer wieder an. „Ich werde aber wohl immer eine Prüfung hinterher sein.“ Sie lacht – und wechselt in die Hallenmitte, wo heute vor allem Mohamed El Karrouch das Training übernimmt. „Wir machen das sehr gerne“, betont seine Frau Ilhame El Marnissi. „Für die Kinder, für die Erwachsenen, für den Verein.“ Sie freut sich zudem sehr über die Unterstützung von vielen Seiten. Durch eine private Großspende habe man beispielsweise einen Satz Karateanzüge für die Kinder aus den Wohngruppen finanzieren können. Der Dachverband stelle zudem regelmäßig einen Prüfer, der das ebenfalls ehrenamtlich mache. „Der Verband schätzt unseren inklusiven Verein sehr.“

Zuweilen ist die 42-Jährige selbst überrascht, was sich über die Jahre so entwickelt hat, gerade als Familie mit Migrationsgeschichte, meint sie. „Wir wollten damals vor allem unsere Kinder von der Straße bringen“, verrät El Marnissi. Und plötzlich finde man sich wieder als Trainergespann und international auf Wettkämpfen. „Das war gar nicht der Plan“, meint sie mit einem Schmunzeln.
Ihr erster richtiger Sport
Ob die Schwestern Safa und Amina neben Gürtelprüfungen irgendwann auch Wettkämpfe bestreiten werden, ist offen. Für Safa jedenfalls ist Karate „der erste richtige Sport“, wie sie sagt. Sie findet vor allem die Tricks interessant, die man lerne. Auch wenn das manchmal anstrengend sei, gerade im Sommer. Das hält sie aber ebenso wenig vom Training ab wie ihre Schwester Amina. Diese hatte nach ihrer ersten Prüfung erst einmal ausgesetzt. „Das war nicht so gut für mich“, wie sie erkannt hat. Nun aber sei sie wieder motiviert, strebe den nächsten Gürtel an. Und das laut Safa „mit den besten Trainern, die man sich denken kann.“
Info
Das Angebot des Einbrunger Sport- und Freizeitvereins ist vielfältig und reicht von Basketball, Fußball und Karate bis hin Yoga und Zumba. Trainingszeiten und weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Vereins, der stets auf der Suche nach weiteren, zertifizierten Übungsleiterinnen und Übungsleitern ist.

