Neustart im Heckenwinkel
Die Schulstelle Heckenwinkel bot über Jahre vor allem Kindern und Jugendlichen mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung aus den umliegenden Wohngruppen einen geschützten Raum zum Lernen. Doch die Bedarfe veränderten sich und der Nachwuchs blieb zunehmend aus. Im Sommer 2025 öffnete man die Schulstelle für Kinder aus den nahe gelegenen Städten – und startete damit ein Erfolgsmodell. Die Eltern sind glücklich, ihre Kinder sind es auch.
Florije Beriska, Silvana Praedorius und Funda Sarikaya sitzen an diesem Freitagvormittag bei Kaffee und Keksen um einen Tisch im ersten Stock der Schulstelle Heckenwinkel, so wie sie es regelmäßig tun – und sind glücklich. Der Grund: Auch ihre Kinder sind es. Denn diese können hier, idyllisch in einem umgebauten Einfamilienhaus auf dem Areal der Graf Recke Diakonie in Düsseldorf-Wittlaer, zum Unterricht gehen, in einer kleinen Klasse, in aller Ruhe. Ein Glücksfall für ihre Söhne zum Start ins Schulleben, darin sind sich die Mütter einig. Doch die Schüler sind zugleich ein Glücksfall für den Heckenwinkel selbst, mehr noch: Sie waren seine Rettung.
»Wenn Sie und Ihre Kinder nicht gekommen wären, hätte es die Schule in zwei Jahren nicht mehr gegeben«, sagt Benedikt Florian, ebenfalls in der Runde mit dabei. Der Leiter der Minna- sowie der Ferdinand-Förderschule und eben auch der kleinen Schulstelle Heckenwinkel mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung berichtet, dass der Bedarf für eine solche Schulform aus den umliegenden Wohngruppen in den vergangenen Jahren immer weniger geworden sei. Die Folge wäre absehbar gewesen – stattdessen sei sie »neu mit Leben gefüllt«, wie Schulleiter Florian sagt. Weil man sich nach Düsseldorf, Mettmann und Ratingen hin geöffnet habe. Und in den Städten ist der Bedarf enorm.

Mit zwei Schülern gestartet
Im Sommer 2025 wagte man den Neustart mit geändertem Konzept, Tom und Lion waren zunächst die einzigen Schüler, wie sich deren Mütter erinnern. »Wir hatten uns davor die städtischen Schulen angeschaut und konnten uns unseren Sohn dort nicht vorstellen«, sagt Florije Beriska, Mutter von Lion. »Es waren viel zu große Klassen – und es saßen mehr Erwachsene als Kinder im Raum.« Der Grund: Die Erstklässler wurden von Inklusionspersonal unterstützt, hatten Förderbedarf wie Lion. Ihr siebenjähriger Sohn sei aufgrund einer Autismus-Spektrum-Störung sprachlich und kognitiv zurück. Durch Zufall habe sie dann die Schulstelle im Internet entdeckt, »aber es gab damals noch gar keine Klasse«. Als Monate später dann der Anruf kam, habe sie ihren Sohn dennoch sofort angemeldet. »Weil ich wusste, dass die Klasse kleiner sein wird.«
Das war auch für Silvana Praedorius ein entscheidender Punkt. Als sie mit Tom ganz normal zur Grundschulanmeldung gegangen sei, habe die Schulleiterin sofort erkannt, »dass er unter der Geräuschkulisse leiden würde«. Denn auch der Siebenjährige hat eine Autismusstörung, ist extrem lärmempfindlich. Von der Schulleiterin sei dann die Empfehlung für den Heckenwinkel gekommen. »Sie hat uns zum Kennenlerngespräch sogar begleitet«, freut sich Silvana Praedorius. Klar, sie sei zunächst unsicher gewesen, man habe sich den Unterricht nicht ansehen können. »Aber alle waren der Meinung, dass dies eine unglaubliche Chance für Tom ist. Wir haben es riskiert und bis heute nicht bereut.«
Das hat sich auch dadurch nicht geändert, dass im Laufe des Schuljahrs drei weitere Jungen sowie zwei Mädchen die Klasse komplettierten. Mit sieben Kindern der Klassenstufen eins bis drei ist nun das Maximum erreicht, mehr werden es nicht. Es gibt bereits eine Warteliste, im August 2026 soll laut Schulleiter Florian die nächste Klasse starten. Dass die Schule so gut angenommen wird, hat ihn selbst überrascht. Die Kinder hätten natürlich alle einen Platz in einer städtischen Schule bekommen, ob in Düsseldorf, Mettmann oder Ratingen, macht er deutlich. »Wir haben nichts Neues erfunden, sondern einen Bedarf bedient.«
Das Team kennt sich schon lange
Das kann man so sagen: Bei ihrem Sohn Beran habe bereits in der Kita festgestanden, dass es sozial-emotionalen Förderbedarf gebe, berichtet Funda Sarikaya. »Er kam dann auf eine entsprechende Förderschule. Aber nach zwei Wochen war klar, dass er auf einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung besser aufgehoben wäre.« Zwei solche Förderschulen gebe es in Ratingen, doch keine davon habe ihr für ihren Sohn zugesagt. Dem Sechsjährigen wäre dort weniger individuelle Förderung zugutegekommen, so ihre Einschätzung. »Und dann habe ich gesehen, dass es hier eine neue Schule gibt. Wir hatten den Vorteil, dass wir den Unterricht schon erleben konnten«, meint sie. »Es war genauso, wie wir uns das vorgestellt und gewünscht hatten. Sehr klein, sehr ruhig. Und bei den Lehrerinnen haben wir den Jackpot gezogen.« Funda Sarikaya strahlt – und die anderen Mütter nicken zustimmend.
Es war genauso, wie wir uns das vorgestellt und gewünscht hatten.
Die beiden so Gelobten, das sind Marta Kamizelich, Sonderpädagogin und Klassenlehrerin in der neuen Klasse HC, sowie Fachlehrerin Astrid Jacobs. Das Besondere sei, »dass wir uns aus verschiedenen Schulstellen schon sehr lange kennen und uns gemeinsam auf das kleine Abenteuer eingelassen haben«, sagt Marta Kamizelich. Dass alle Kinder eine Autismusdiagnose haben, habe sich so ergeben, was die Arbeit jedoch noch herausfordernder mache, ergänzt Astrid Jacobs. »Wir müssen darauf achten, dass sie nicht mit Bildern überreizt werden. Strukturen sind für sie wichtig und Ironie können sie nicht verstehen«, erklärt die Pädagogin, die vor rund 30 Jahren den Heckenwinkel einst mit aufgebaut hatte, nun wieder zurückkehrte – und ihren Therapiehund Funny gleich mitbrachte. Er ist der heimliche Star der Schule.

Noch wichtiger allerdings: »Wir sind jeden Tag da, es gibt keine Wechsel. Wir machen alles zusammen, von Mathe bis Sport«, sagt Marta Kamizelich. Möglich machen das verkürzte Schultage, die dafür individuell gestaltet werden. Hinzu kommen laut ihr »sehr gute Inklusionshelferinnen, die uns bei allem unterstützen, wir arbeiten Hand in Hand«. Das gilt auch für die Eltern, die von Anfang an in den Schulbetrieb mit eingebunden wurden. »Einmal im Monat findet zum Beispiel das Elterncafé statt, in dem diese sich mit uns und untereinander austauschen können«, sagt Astrid Jacobs. Und der Kontakt trägt sogar Früchte über die Schule hinaus. »Erst vor Kurzem haben die Eltern privat gemeinsam einen Freizeitpark besucht. Das haben wir angebahnt«, freut sie sich.
Jede kleine Entwicklung wird gefeiert
Es ist dieses Miteinander, die gute Stimmung, die auch den Schülern hilft. »Ich erlebe bei Beran, dass er viel entspannter aus der Schule kommt und wie gern er hierherkommt«, sagt Funda Sarikaya. Er frage in den Ferien sogar, wann er wieder zur Schule gehen darf. »Und jede kleine Entwicklung wird gefeiert, auch mit uns Eltern.« Silvana Praedorius kann das bestätigen. »Tom hat im Heckenwinkel die Chance, in einem geschützten Raum zu lernen und sich zu entwickeln«, betont sie. Auch sprachlich sei seit August ganz viel passiert. Ihre Erklärung: »Weil er hier nicht das Gefühl hat, anders zu sein. Hier ist er angenommen und geht jeden Morgen freudestrahlend hin. Das ist das größte Geschenk.« Besonders freitags, das sei der schönste Tag, sagt Tom. Dann nämlich sei Spielzeugtag, verrät der Siebenjährige. Er liebe »Thomas und seine Freunde«, eine kleine Eisenbahn aus Holz.
Hier ist er angenommen und geht jeden Morgen freudestrahlend hin. Das ist das größte Geschenk.
An Toms Selbstsicherheit gegenüber dem ihm fremden Interviewer wäre vor einem halben Jahr nicht zu denken gewesen, da ist sich Silvana Praedorius sicher. Ähnliches hat Florije Beriska bei Lion beobachtet. Er habe »einen extremen Schub gemacht, er ist viel selbstbewusster geworden«, berichtet sie. Das liege vor allem an den Lehr- und Inklusionskräften. »Sie sehen jedes Kind individuell und konzentrieren sich auf die Stärken.« Lion liebe Dinosaurier, und plötzlich gebe es viele Kuscheltiere in Dinoform im Heckenwinkel. »Oder auch Aufgaben.«
»Die Kinder sind ein bisschen wie Wundertüten«, meint Sonderpädagogin Marta Kamizelich mit einem Lächeln. Wenn ein Kind nicht mit Käfern rechnen könne, dann eben mit Dinos. Der Heckenwinkel sei schon immer etwas Besonderes gewesen, sagt die Klassenlehrerin, die gemeinsam mit Astrid Jacobs die Klasse bis zum Schulabschluss begleiten soll. Ziel ist, die Kinder dabei »zu unterstützen, erwachsen zu werden und ein sinnerfülltes Leben in weitgehender Selbstständigkeit zu führen«, wie es auf der Schulhomepage heißt. Im Rahmen von Arbeitsgruppen gibt es beispielsweise Angebote in textiler oder kreativkünstlerischer Gestaltung, in Werken, Gelände- und Gartenpflege, Backen oder Basteln. Denn alle sollen ihren Möglichkeiten entsprechend befähigt werden, ob in der Sekundarstufe I oder der späteren Berufspraxisstufe.
Perspektiven für den Berufsübergang
Dies sind die beiden letzten Schuljahre in der kleinen Schulstelle, die für die Eltern besonders wichtig sind, weiß Schulleiter Benedikt Florian. »Zu wissen: Wie geht es nach der Schule weiter?« Es sei Privileg und Aufgabe der Schule zugleich, die Schüler und Eltern von Anfang bis Ende der Schullaufbahn individuell und bedarfsorientiert zu begleiten. Auch wenn man in diesem jungen Alter noch nicht sagen könne, wie sich die Kinder einmal entwickeln werden, wie Marta Kamizelich einräumt – mitgedacht werde das von Anfang an.

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