Zukunft der Pflege gemeinsam gestalten: Azubi diskutiert mit Sozialministerin

Hanane Saouli ist aus Algerien nach Deutschland gekommen, um ihre Pflegeauszubildende im Graf Recke Quartier Neumünster zu machen. Inzwischen hat sie sich als wichtige Stimme für die Anliegen der Pflege profiliert und wurde deshalb zur Podiumsdiskussion nach Kiel eingeladen, unter anderem mit Landessozialministerin Aminata Touré.

Wie kann Pflege auch in Zukunft verlässlich, würdevoll und für alle Beteiligten leistbar gestaltet werden? Dieser Frage widmete sich Ende September 2026 die Veranstaltung „Pflegende Angehörige und die Zukunft der Pflege – was muss sich jetzt ändern?“ im Wissenschaftszentrum Kiel. Eingeladen hatte das Ministerium für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein.

Im Mittelpunkt standen die aktuellen Herausforderungen in der Pflege, die Lebensrealitäten pflegender Angehöriger sowie die Arbeitsbedingungen von Pflegefachkräften. Fachliche Impulse aus Wissenschaft und Praxis, Gespräche mit Expertinnen und Experten und eine Podiumsdiskussion boten Gelegenheit, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammenzubringen. 

Eine dieser Perspektiven brachte Hanane Saouli, Auszubildende im Graf Recke Quartier Neumünster, in die Diskussion ein. Hanane ist aus Algerien nach Deutschland gekommen, um hier ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft zu absolvieren. Inzwischen hat sie während ihrer Ausbildung verschiedene Bereiche der Pflege kennengelernt und konnte dadurch konkrete Erfahrungen aus dem Pflegealltag in die Diskussion einbringen. Außerdem hat sie sich mit der Entwicklung einer Idee einer Pflege-App für Pflegende mit Migrationsgeschichte profiliert. Für diese Idee wurde sie für den Sozialpreis des Landes Schleswig-Holstein nominiert.

Pflege ist mehr als Versorgung

In der Podiumsdiskussion mit der schleswig-holsteinischen Sozialministerin Aminata Touré schilderte Hanane, wie sie den Pflegealltag während ihrer Ausbildung erlebt. 

Dabei wurde deutlich: Pflege bedeutet weit mehr als die reine Versorgung von Menschen. Pflegekräfte sind Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Bewohnerinnen und Bewohner, Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige. Sie beobachten Veränderungen, treffen Entscheidungen, geben Sicherheit und tragen gleichzeitig eine hohe emotionale Verantwortung. 

„Pflege ist viel mehr als die Versorgung“, machte Saouli deutlich. Gleichzeitig erlebe sie in der Praxis, dass Pflegekräfte häufig mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen müssen: Während eine Situation Aufmerksamkeit erfordert, warten bereits weitere Aufgaben und Menschen auf Unterstützung. 

Für sie entstehe dadurch eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Anspruch an gute Pflege und den Bedingungen, unter denen Pflege im Alltag tatsächlich geleistet werden kann.

Zeit für gute Pflege

Ein zentraler Punkt ihres Beitrags war deshalb die Frage der Zeit. Pflegekräfte wüssten, was gute Pflege bedeutet und was die ihnen anvertrauten Menschen benötigen. Doch wenn die notwendige Zeit fehle, könne der fachliche und menschliche Anspruch trotz hoher Motivation und Verantwortungsbewusstsein nicht immer umgesetzt werden. 

Denn gute Pflege braucht aus Hanane Saoulis Sicht nicht nur Fachwissen. Sie brauchte auch Zeit für Kommunikation, Beobachtung, Sicherheit und menschliche Nähe. Wenn diese Zeit fehle, gehe es nicht allein um die Belastung der Pflegekräfte. Auch die Qualität der Pflege könne darunter leiden – und damit letztlich die Menschen, die gepflegt und begleitet werden.

Pflege ist viel mehr als die Versorgung.

Hanane Saouli

Belastungen haben viele Ursachen

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Belastung von Pflegekräften nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert werden kann. Neben einer begrenzten Zahl von Pflegekräften und steigenden Anforderungen spielen auch Zeitdruck, Schichtarbeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie fehlende Wertschätzung eine Rolle. 

Hanane Saouli sieht zudem eine weitere wichtige Herausforderung: Pflegekräfte bringen ihre Kompetenz und ihr Engagement jeden Tag ein, fühlen sich mit ihrer Erfahrung aber nicht immer ausreichend gehört und beteiligt. 

Aus ihrer Sicht geht es deshalb nicht allein darum, mehr Personal zu fordern. Vielmehr brauche es Arbeitsbedingungen, die es Pflegekräften ermöglichen, ihren fachlichen und menschlichen Anspruch an gute Pflege auch tatsächlich umzusetzen.

Besonders eindrücklich beschrieb die Auszubildende aus dem Graf Recke Quartier Neumünster eine Situation, in der Pflegekräfte genau wissen, was für einen Menschen notwendig wäre, dies unter den gegebenen Rahmenbedingungen aber nicht leisten können. Daraus könne ein moralischer Stress entstehen: Man weiß, was fachlich richtig und notwendig wäre, dies sei aber aufgrund der vorhandenen Bedingungen nicht immer umsetzbare. 

Die Frage müsse deshalb aus ihrer Sicht weiter gefasst werden: Nicht nur „Wie viel Pflege können wir einplanen?“, sondern auch „Welche Bedingungen brauchen wir, damit gute Pflege tatsächlich möglich wird?“ 

Die Perspektive der Pflegepraxis einbeziehen

Für Hanane Saouli ist dabei besonders wichtig, dass die Erfahrungen der Menschen berücksichtigt werden, die täglich mit pflegebedürftigen Menschen arbeiten. 

„Pflege kann nicht allein am Schreibtisch geplant werden“, so eine ihrer zentralen Aussagen. Wer die Pflege weiterentwickeln wolle, müsse den Alltag kennen und diejenigen einbeziehen, die ihn täglich erleben. Nur so lasse sich realistisch einschätzen, wie viel Zeit und welche Rahmenbedingungen gute Pflege tatsächlich benötigt. 

Dazu gehören für Saouli auch Wertschätzung, gute Zusammenarbeit und echte Möglichkeiten zur Beteiligung. Gerade für Auszubildende und internationale Pflegekräfte sei es wichtig, sie nicht nur fachlich zu begleiten, sondern ihnen auch Sicherheit und Zugehörigkeit zu vermitteln und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen. 

Internationale Perspektiven für die Pflege von morgen

Hanane Saoulis eigener Weg macht dabei deutlich, wie vielfältig die Pflege in Deutschland bereits ist. Sie ist aus Algerien nach Deutschland gekommen, um hier ihren beruflichen Weg in der Pflege zu beginnen. Mit ihrer Ausbildung bringt sie sich heute aktiv in ein Berufsfeld ein, das vor großen Herausforderungen steht – und in dem internationale Auszubildende und Fachkräfte längst eine wichtige Rolle spielen. 

„Pflege lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, zuhören und unterschiedliche Erfahrungen zusammenbringen“, sagt Martin Irmer, Geschäftsführer des Graf Recke Quartiers Neumünster, der Hanane Saoulis Weg in Neumünster von Anfang an begleitet und ihre Ambitionen auch darüber hinaus fördert. „Wir freuen uns deshalb sehr, dass unsere Auszubildende die Gelegenheit bekommen hat, ihre Perspektive einzubringen und zugleich neue Impulse für ihren eigenen beruflichen Weg mitzunehmen.“ 

Die Veranstaltung in Kiel hat gezeigt: Die Zukunft der Pflege lässt sich nicht allein durch Konzepte und politische Entscheidungen gestalten. Sie braucht den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Angehörigen und vor allem den Menschen, die Pflege jeden Tag leisten. Und, so betonte Ministerin Aminata Touré: Eine Pflegereform müsse sich daran messen lassen, was sie im Alltag der Menschen verbessert. Die Pflegekassen finanziell zu stabilisieren, sei notwendig, zusätzliche Belastungen für Pflegebedürftige, Angehörige und Leistungserbringer dürfen nicht die Antwort sein

Hanane Saoulis Perspektive hat dabei deutlich gemacht, worauf es aus Sicht einer angehenden Pflegefachkraft ankommt: gute Rahmenbedingungen, ausreichend Zeit, Wertschätzung und die Möglichkeit, Pflege so zu gestalten, wie sie dem Anspruch an eine menschliche und fachlich gute Versorgung entspricht. 

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