Per App zum gelingenden „PflegeTalk“
Hanane Saouli macht im Graf Recke Quartier Neumünster ihre Ausbildung zur Pflegfachkraft. Die 28-Jährige aus Algerien ist überaus erfolgreich, tat sich anfangs aber vor allem mit der Sprache schwer, was sie auf eine Idee brachte: Sie entwickelte in ihrer Freizeit die App „PflegeTalk“ fürs Smartphone, die internationale Pflegekräfte im Berufsalltag mit fachspezifischen Formulierungen auf Deutsch in typischen Arbeitssituationen unterstützen soll. Noch ist das Projekt in der technischen Entwicklung, erste Reaktionen sind jedoch äußerst vielversprechend – ob aus Fachkreisen oder dem Sozialministerium.
Zu tun hätte Hanane Saouli zweifellos auch so schon reichlich: Die 28-Jährige befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Pflegefachkraft im Graf Recke Quartier Neumünster, es geht um das Erlernen von medizinisch-pflegerischen Aufgaben genauso wie um Körperpflege oder das Verfassen von Pflegeberichten. Und das auch noch in einer für sie fremden Sprache. Doch genau dieser Umstand hat die aus Algerien stammende junge Frau dazu animiert, in ihrer Freizeit eine digitale Sprachhilfe für internationale Pflegekräfte und Auszubildende zu entwickeln. „PflegeTalk“ ist genau die App fürs Smartphone, die sie sich bei ihrem Start in ihr zweites Berufsleben gewünscht hätte.

Aus eigener Erfahrung wird eine digitale Idee
„Die Idee entstand direkt in meinem Ausbildungsalltag“, sagt Hanane Saouli. Sie habe selbst erlebt, dass ein B2-Sprachniveau oft nicht ausreiche, um in der Pflege sicher zu kommunizieren. „Häufig wusste ich fachlich, was ich tun musste, aber mir fehlten die passenden deutschen Formulierungen“, erzählt sie. „Ich dachte mir: Wenn ich dieses Problem habe, dann haben es viele andere internationale Pflegekräfte auch.“ Die Idee für „PflegeTalk“ war geboren.
Die Anwendung, sagt Saouli, solle Fragen beantworten, die im Pflegealltag immer wieder entstehen: „Wie sage ich das richtig auf Deutsch? Wie erkläre ich eine Maßnahme? Wie kommuniziere ich sicher mit den zu Pflegenden und dem Team?“ Noch befindet sich das Projekt in der technischen Entwicklungsphase, Inhalt und Konzept aber stehen und stammen von ihr selbst. „Dabei helfen mir meine Erfahrungen aus der Pflege und mein Interesse an der Informatik“, erklärt sie. Zudem stehe sie im Austausch mit Fachleuten und Einrichtungen, um die Idee weiterzuentwickeln.
Vom Prototyp zur praktischen Arbeitshilfe
Was jetzt schon klar ist: Künftig sollen Pflegekräfte die App nutzen können, wenn sie sprachlich an ihre Grenzen stoßen. „PflegeTalk“ biete etwa pflegerische Standardsätze, Übersetzungen, Dokumentationshilfen und Erklärungen für typische Situationen im Arbeitsalltag. Und zwar „Schritt für Schritt“, wie die angehende Pflegefachfrau betont. „Von der Begrüßung bis zur Verabschiedung.“ Gehe es etwa um das Blutzuckermessen, zeige die App sofort die notwendigen Maßnahmen an und auch die dazugehörige Kommunikation. Zumindest bald. Noch arbeite sie mit einem Prototyp, für die technische Umsetzung sei man derzeit auf der Suche nach einem Partner.
Dass dieser gefunden wird, darauf hofft auch Martin Irmer, ist dabei aber guter Dinge. Das Interesse an der App sei groß, verrät der Geschäftsführer des Haus Reckeblick und des Graf Recke Quartier Neumünster. So habe man bereits mit der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH sowie dem Referat für Pflegeinfrastruktur, Wohnpflege und Pflegeversicherung im Sozialministerium zusammengesessen und Förderungsmöglichkeiten besprochen.
Damit nicht genug: Noch im Juli nahm Hanane Saouli zudem am DUCAH-Forum in Stuttgart teil und stellte ihre Idee Interessierten auf einem Marktplatz vor. „Besonders freut mich eine weitere Anfrage aus dem Sozialministerium. Frau Saouli wurde im Namen der Sozialministerin Aminata Touré zu einer Podiumsdiskussion am 29. September eingeladen mit dem Themenschwerpunkt "Pflegende Angehörige und die Zukunft der Pflege – was muss sich jetzt ändern?".
Er freue sich riesig für die junge Kollegin „und unterstütze wo ich nur kann“, sagt Martin Irmer. Aus gutem Grund: Hanane Saouli zeichne sich durch ihr großes Lerninteresse aus und zeige kontinuierlich gute schulische und praktische Leistungen, lobt er. Parallel dazu sei „ihre Lernkurve im Bereich der deutschen Sprache einzigartig“. Nach so kurzer Zeit so gut die für sie noch vor zwei Jahren fremde Sprache verstehen und sprechen zu können, verblüffe ihn immer wieder, gesteht er. Dass sie parallel zu ihrer Ausbildung so viel Zeit in die Entwicklung ihrer App investiere, überrascht ihn indes weniger: „Nach so vielen Terminen mit ihr habe ich inzwischen verstanden, dass sie die Pflegewelt einfach besser machen möchte – ganz uneigennützig, aus Nächstenliebe.“
Sprachbarrieren im Pflegealltag überwinden
In der Tat: Sie motiviere der Gedanke, dass „PflegeTalk“ anderen Menschen helfen könne, sagt Hanane Saouli. Dabei sei sie auch sehr dankbar für die Unterstützung durch Herrn Irmer und durch ihren Praxisanleiter, die sie beide „bei jedem Schritt unterstützt und ermutigt haben“. Eine Herausforderung sei es manchmal schon, räumt sie dann doch ein. Sie arbeite oft nach der Schule oder am Wochenende an ihrem Projekt. „Aber wenn man etwas macht, wofür man wirklich brennt, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.“
Aber wenn man etwas macht, wofür man wirklich brennt, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.
Viel Freizeit bleibt der 28-Jährigen allerdings nicht. Sie lese gerne Bücher oder höre Podcasts zu unterschiedlichen Themen. Außerdem treibe sie Sport. „Das hilft mir, meinen Geist weiterzuentwickeln, den Kopf frei zu bekommen und neue Energie zu tanken“, erzählt sie. Energie, die sie auf ihrem beruflichen Weg fraglos gebrauchen kann. Denn in ihrer Heimat Algerien hat Saouli bereits ein Studium im pädagogischen Bereich abgeschlossen und als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichtet, dann aber „bewusst einen neuen beruflichen Weg eingeschlagen“, wie sie erzählt. Ihr Bruder lebt in Berlin, sie hat sich jedoch für das eher beschauliche Neumünster entschieden. Dort genieße sie die Ruhe, vermisse jedoch manchmal auch den Trubel einer Großstadt. Sie lacht.

So aber kann sie sich ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren – und ihr App-Projekt. Während die digitale Ausführung des „PflegeTalk“ noch auf sich warten lässt, hat Hanane Saouli ganz nebenbei eine analoge Version entwickelt: 20 der wichtigsten pflegerischen Maßnahmen stehen in dieser Variante auf Kitteltaschenkarten, wie sie die praktischen Arbeitshilfen nennt. Beschrieben werden darauf der ideale Ablauf einer Anwendung und zudem mögliche Abweichungen, mit denen man im Pflegealltag immer rechnen müsse. Damit die Kärtchen etwas hermachen, habe sie mit einer Designerin zusammengearbeitet. Es hat sich ausgezahlt: Die ersten Rückmeldungen von Auszubildenden, Lehrkräften und Pflegeeinrichtungen seien sehr positiv, freut sie sich.
So kommt Hanane Saouli ihrem Wunsch immer näher: „Dass internationale Pflegekräfte selbstbewusster kommunizieren können und dadurch mehr Sicherheit im Berufsalltag gewinnen“, wie sie erhofft. Gleichzeitig möchte sie die Integration erleichtern und die Pflegequalität verbessern. Wenn Pflegekräfte weniger Sprachbarrieren haben, profitierten am Ende alle, glaubt sie: Pflegekräfte, zu Pflegende und die Angehörigen. Für Geschäftsführer Martin Irmer ein kaum zu unterschätzender Gewinn, nicht zuletzt fürs eigene Haus: Im September 2026 haben weitere junge Menschen in Neumünster ihre Pflegeausbildung begonnen, vier von ihnen stammen aus Marokko.
Zukunft der Pflege
Pflegende Angehörige und die Zukunft der Pflege - was muss sich jetzt ändern?
Am 29. September 2026 lädt Sozialministerin Aminata Touré zum gemeinsamen Austausch über die Zukunft der Pflege in Schleswig-Holstein ein. Auch Hanane Saouli wurde eingeladen und wird an der Podiumsdiskussion teilnehmen.
Wir werden im Nachgang zur Veranstaltung hier berichten.

