Wie umgehen mit dem Extremen?

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Wie geht man in einer diakonischen Einrichtung damit um, wenn sich die Grenzen des Sagbaren verschieben? Wie begegnet man Menschen mit extremistischen Haltungen? Dies diskutierten Mitarbeitende mit zwei Experten bei einem Fachtag der Graf Recke Diakonie. Die zentralen Erkenntnisse: Aufmerksam sein, Haltung zeigen, Grenzen ziehen, sich im Zweifel Hilfe von außen holen. Und mit positiven Erzählungen dagegenhalten.   

Der Umgang mit extremistischen Haltungen stellt die Gesellschaft zunehmend vor Herausforderungen. Das gilt für eine soziale Einrichtung, eine diakonische zumal, in besonderem Maße. Doch wie begegnet man Menschen, die sich rassistisch oder diskriminierend äußern, wenn sie mit Wort oder Tat die Grenzen der Verfassung berühren – oder gar überschreiten? Dies war Thema bei einem Fachtag der Graf Recke Diakonie, der Perspektiven für das Handeln im Arbeitsalltag aufzeigen sollte.

Als Ort des Austauschs hatten Stiftungspfarrer Peter Krogull in Vertretung des theologischen Vorstandes, Pfarrer Ulrich Lilie, und Dr. Roelf Bleeker, Leiter des Fachbereichs Kommunikation, die Graf Recke Kirche in Düsseldorf-Wittlaer gewählt. Für Peter Krogull war bereits das ein Symbol, verstehe man doch „die Kirche als Freihaus, ganz egal welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung jemand ist“, wie er bei der Begrüßung betonte. Er freue sich daher ganz besonders, neben den Stiftungsmitarbeitenden zwei Experten zum Thema zu begrüßen, „um diese Worte mit Leben zu füllen“.

Der Graubereich wird größer

Wie schwierig allein die Begriffsbestimmung ist, machte Maurice Döring, Koordinator von CoRE-NRW, einem Netzwerk für Extremismusforschung mit Sitz in Bonn, in seinem fachlichen Impuls deutlich. Extremismus definiere man als „Ablehnung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“. Danach werde es schwammig. Ein zentrales Moment jedoch sei stets die Überhöhung der eigenen Gruppe, wobei man längst eine Entgrenzung zwischen den Gruppierungen feststelle. Es bilden sich laut Döring neue Allianzen: „Es gehen Linksextreme mit Islamisten auf die Straße und Rechtsextreme mit fundamentalen Christen.“ 

Hinzu komme eine Verschiebung des Sagbaren, so Maurice Döring. „Remigration“ oder „Klimadiktatur“: Einst noch Begriffe von Radikalen, sei deren Verwendung heute kaum mehr Aufreger. Die Radikalisierung sei ein dynamischer, non-linearer Prozess. Der Extremismusforscher konstatiert einen gewachsenen Graubereich, in dem Menschen teilweise extreme Positionen befürworten. Jedoch, so Döring an die Mitarbeitenden gerichtet: „Extremismus zu verhindern, ist nicht Ihre erste Aufgabe, sondern den Menschen anzunehmen.“ Aber: Es gehe darum, eine Grenze zu ziehen. „Nicht gegenüber dem Menschen, aber gegen dessen Aussage oder Meinung. “

Wie man mit dem wachsenden Einfluss von Extremisten gezwungenermaßen einen Umgang versucht, das erläuterte in einem weiteren Impulsvortrag Ronny Rösler. „Meine Qualifikation ist, aus Sachsen-Anhalt zu kommen“, sagte er. Rösler ist Pädagogisch-diakonischer Vorstand der Ev. Stiftung Neinstedt, dem größten Sozialträger jenes Bundeslandes, in dem erstmals seit dem Ende des Nationalsozialismus ein Landtagspräsident aus einer gesichert rechtsextremen Partei gewählt wurde. „Das AfD-Programm: Ist unser Modell in Frage gestellt?“ hatte Ronny Rösler seinen Beitrag überschrieben. Denn das Modell der Diakonie sei geprägt von Nächstenliebe, der Würde vor jedem menschlichen Leben, von Inklusion und Teilhabe. „Das ist kein Geschäftsmodell, es ist ein Menschenbild.“ 

Die eigene Position klar benannt

Und so setzten sich Ronny Rösler und sein Team bereits vor der Wahl mit den Positionen der AfD auseinander. Diese nehme sich dem drohenden Pflegkollapses durchaus an. „Es ist aber kurzsichtig und propagandistisch.“ Die Forderung, mehr auf die Pflege im eigenen Zuhause zu setzen, verbinde die Partei mit der, auf „kulturfremde“ Fachkräfte zu verzichten. Wenn sich Pflegekräfte und Ärzte jedoch nicht mehr willkommen fühlten, sei das gefährdend, warnte Rösler. „Wir kümmern uns ja aktiv um die Anwerbung von Azubis aus dem Ausland. Lässt sich das in Zukunft noch umsetzen?“, fragt er sich.

Und daher habe man vor der Wahl ein Papier erarbeitet, und die eigene Position klar benannt. Auf Postkarten und Bierdeckeln habe man in Neinstedt die eigenen Thesen kurz und klar benannt – und regelmäßig im Hause verteilt. „Mit Bedacht wählen“, lautete die Empfehlung. Nach dem Sieg der AfD gelte es dennoch, jetzt den Kopf oben zu halten. „Wir werden weiter kämpfen und diskutieren. Und wir müssen gemeinsam Antworten entwickeln“, so der Diakon. „Denn wir wissen, was nicht zur Disposition steht: Das ist unser Auftrag. Wir wissen, für welches Menschenbild wir stehen.“

Denn wir wissen, was nicht zur Disposition steht: Das ist unser Auftrag. Wir wissen, für welches Menschenbild wir stehen.

Ronny Rösler

Dieses steht auch für Sabine Brosch, Fachbereichsleiterin in der Graf Recke Kinder- & Jugendhilfe gGmbH, nicht in Frage: Vielfältigkeit aber bringe nicht nur die positiven Aspekte hervor, wie sie bei der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Kommunikationschef Bleeker anmerkte. Dass insbesondere junge Menschen anfällig für radikale Gruppen seien, ob von links, rechts oder aus islamistischen Kreisen, und Social Media dabei eine besondere Rolle spiele, habe unter anderem zum Arbeitskreis Rassismus der Graf Recke Diakonie geführt, dem sie angehört. Krise sei in der Jugendarbeit „unser tägliches Brot“, wie sie sagte. Und daher sieht Brosch es als eine wichtige Aufgabe an, die Lebensbedingungen der Jugendlichen positiv zu verändern, um extremistischen Tendenzen zu begegnen. „Oder auch die Sicht auf diese Bedingungen.“

Subtile Botschaften am problematischsten

Einen konkreten Fall benannte derweil Martin Irmer, Geschäftsführer im Graf Recke Quartier Neumünster. Dort fiel ein Bewohner durch rechtsradikale Devotionalien auf, darauf angesprochen habe er mit beleidigenden Mails einen breiten Verteilerkreis reagiert. Ihn zu ignorieren und ihm damit keine Plattform zu bieten, habe nur anfänglich funktioniert. „Wir sind nun dabei, zu prüfen, wie wir diesem Verhalten juristisch begegnen können“, berichtete Irmer. 

Im Zweifel, empfiehlt Rassismusforscher Maurice Döring, Profis einzuschalten. „Es ist nicht ihre Verantwortung, die Situation rechtlich einzuordnen.“ Dafür gebe es etwa mobile Beratungsstellen. Dabei gehe es ebenso um strafbare Äußerungen oder verbotene Symbole. „Die können das einschätzen“, so Döring. Bei Mitarbeitenden könne man als diakonische Einrichtung klare Grenzen setzen, argumentierte Ronny Rösler. „Im Zweifel auch mit Vertragskündigung.“ Bei Leistungsberechtigten ist das schwieriger. Für Sabine Brosch aus der Jugendhilfe sind die subtilen Botschaften im Berufsalltag dann auch die problematischeren. In solchen Fällen achtsam zu sein („habe ich das gerade wirklich gehört?“), die Teams zu sensibilisieren, dies vermittle man auch im Arbeitskreis Rassismus.   

Für Luisa Tabales, Personalentwicklerin bei der Stiftung und nebenberuflich Beraterin im Feld Rassismus und Diskriminierung, ist es wichtig, gemeinsam Strategien und Handlungsmöglichkeiten einzuüben. Denn sie macht sich vor allem Sorgen um die Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen als divers markiert sind. Sie kenne in ihrem Umfeld Personen, die bereits Geld zurücklegen, um im Zweifel Ausstiegspläne zu verwirklichen. „Wir richten den Blick ja vor allem auf die, die laut sind, die Menschenverachtendes rausbrüllen“, mahnte Tabales. Aber: „Die, die verunsichert sind, sind die Leisen.“ 

„Eigene, bunte Bilder malen“

Wie man unter anderem diesen Gehör verschaffen könnte, diskutierten die Teilnehmenden danach in kleineren Austauschrunden. Ein anonymes Meldesystem war eine Idee. Gerade ausländische Mitarbeitende müssten darüber aufgeklärt werden, dass sie Übergriffe melden dürfen, „ohne Angst vor einer Kündigung“, hieß es an einem Tisch. Er finde es wichtig, aller Professionalität zum Trotz, bei diskriminierenden Sprüchen die eigene Person nicht auszublenden, meinte ein Kollege. „Es ist oft auch ein Türöffner, wenn man als Mensch argumentiert. Eine Einladung zum Mitdenken.“ 

Moderator Dr. Roelf Bleeker brachte von seinem Tisch die Erkenntnis mit, dass man sich besser nicht ständig an der AfD abarbeiten dürfe. „Wir sollten eigene, bunte Bilder malen. Und positive Geschichten erzählen.“ Darin stecke auch „eine große Chance für Kirche und Diakonie. Wir stehen für etwas“. Das war es, was Pfarrer Peter Krogull am Fachtag ebenfalls begeisterte: Er verspüre „einen positiven Spirit bei diesem doch belastenden Thema“, sagte er. „Das finde ich toll, und das nehme ich mit.“

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