Veränderungen sollten Hand und Fuß haben
Zwischen ihnen liegen fast 50 Jahre: Ursula Weber (82) hat ihren Mann früh verloren, zog ihren Sohn alleine groß. Sie war Sekretärin bei Mannesmann und lebte bis vor zweieinhalb Jahren in Düsseldorf Gerresheim. Dann zog sie gesundheitsbedingt ins Seniorenzentrum Zum Königshof der Graf Recke Wohnen & Pflege – und traf auf Rebecca Di Martino (33). Die Düsseldorferin mit italienischen Wurzeln ist dort seit 2019 Pflegefachkraft und seit 2021 Praxisanleiterin. Im Gespräch zwischen Generationen machen die beiden Frauen sich Gedanken über gute Veränderungen im Leben – und auf welche sie gerne verzichtet hätten.
Frau Weber, was würden Sie – nach dem frühen Tod Ihres Mannes – als die einschneidendste Veränderung in Ihrem Leben betrachten? War es der Umzug aus Gerresheim ins Seniorenzentrum Zum Königshof?
Ursula Weber: Jein. Das war für mich wohl der Ausstieg bei meiner Firma ins Rentenalter. Ich habe mit 60 als Sekretärin bei Mannesmann aufgehört, auch aus gesundheitlichen Gründen. Ich hätte gerne noch weitergearbeitet. Ich hatte einen netten Chef, hatte tolle Kollegen, das hat Spaß gemacht. Nur zu Hause sein, das ging nicht, das war ein Unding für mich. Dann habe ich etwas gemacht, was es auch hier gibt: ehrenamtliche Arbeit im sozialen Dienst. Ich habe alte Damen mit dem Rollstuhl durch Gerresheim gefahren, ging mit ihnen einkaufen oder begleitete sie zum Arzt. Ich war ständig auf Tour. Das hat mir gefallen. Und es gab ein Taschengeld.

Können Sie das nachvollziehen, Frau Di Martino, dass für Frau Weber der Ausstieg aus dem Job eine prägende Veränderung war?
Rebecca Di Martino: Ja natürlich, für mich ist mein Beruf auch wichtig. Genauso wie das Privatleben, Stichwort: Work-Life-Balance. Aber wenn ich meinen Job nicht hätte, wüsste ich wohl erst einmal nichts mit mir anzufangen. Dabei muss ich sagen: Es war nicht von Anfang an mein Traumberuf, ich wollte eigentlich studieren. Doch ich brauchte für mein Fachabitur ein Jahrespraktikum und hatte mich für die Altenpflege entschieden – und habe den Beruf lieben gelernt. Ich hatte mich dann mitten im Praktikum dafür entschieden, die Ausbildung zu machen. Denn ich habe gemerkt, ein Beruf mit Menschen, das liegt mir einfach. Nun könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als Frau Weber und die anderen Bewohner zu begleiten. Neben dem Pflegerischen ist dabei das Zuhören wichtig, man kann von älteren Menschen viel mitnehmen.
Ursula Weber: Das gilt auch andersrum, gerade wenn es um technische Neuheiten geht. Ich habe ja im Beruf die Anfänge des Computers mitbekommen, solche Geräte (macht eine ausladende Handbewegung). Wenn ich mir die Dinger heute anschaue und sehe, wie schnell die jungen Leute schreiben, dann werde ich neidisch. Ohne Handy ist man heute ja aufgeschmissen. Das hätte ich mir vor 50 Jahren nicht vorstellen können.
Sind Sie denn selbst im Internet unterwegs?
Ursula Weber: Ja, obwohl ich am Anfang sehr misstrauisch war. Aber da hatte ich genug Unterstützung im Freundeskreis, Menschen, die mir geholfen haben. Ich hatte Fragen über Fragen. Inzwischen bin ich da, glaube ich, ganz gut unterwegs (lacht).
Rebecca Di Martino: Seit meinen ersten Zugängen zum Internet hat sich auch viel geändert: Damals war das ja was ganz, ganz Besonderes, mit den Modems, mit denen man sich einwählen musste. Wenn man im Internet war, konnte man nicht telefonieren. Als ich jung war, gab es ja auch keine Smartphones, in meiner Kindheit nicht mal Handys. Wenn ich nach der Schule zu meiner besten Freundin gehen wollte, ging es mit der Telefonkarte zur nächsten Telefonzelle. Und meine Mutter dann: »Okay, melde dich, wenn du abgeholt werden möchtest.« Das war wirklich noch ganz anders.

Sie haben also noch eine recht analoge Kindheit erlebt. Vielleicht war diese gar nicht so unterschiedlich zu der von Frau Weber.
Ursula Weber: Also Fernsehen hatten meine Eltern schon. Es war ein kleines, aber schönes Gerät in Schwarz-Weiß. Aber ich bin nicht allzu oft in den Genuss gekommen. Meine Eltern waren da, meiner Meinung nach, viel zu streng. Ich habe meine Freizeit viel mit meinen Freunden verbracht, die auch zu mir nach Hause kommen durften. Und wir waren draußen. Wir lebten an einer Straße, wo Autos noch eine Seltenheit waren. Da konnten wir herrlich spielen. Zum Beispiel Fußball, auch die Mädchen. Oder wir sind mit dem Rad gefahren. Am schönsten war es, wenn es im Mai richtig geregnet hat: dann rein in den Badeanzug, auf die Straße – und rein in die Pfützen. Das war das Größte.
Am schönsten war es, wenn es im Mai richtig geregnet hat: dann rein in den Badeanzug, auf die Straße – und rein in die Pfützen. Das war das Größte.
Rebecca Di Martino: Das hört sich wirklich schön an. Meine Kindheit war noch ganz ähnlich. Bei uns war gegenüber eine evangelische Kirche, da war von montags bis freitags eine Kinder- und Jugendgruppe. Man hat sich getroffen, hat zusammen gespielt, Brettspiele oder auch Fußball. Oder wir sind Roller gefahren oder haben uns über die neuesten Trends ausgetauscht. Auch über die bei Videospielen, das durchaus.
Waren das die ersten Vorboten einer zunehmenden Technologisierung der Jugendzeit?
Rebecca Di Martino: Das würde ich schon sagen. Es ist einfach rasant schnell gegangen, wenn man die Anfänge des Internets bedenkt. Und jetzt, 2026, hat man das alles in so einem kleinen Gerät. Früher hat man sich persönlich getroffen oder telefoniert. Mit einer Freundin auch oft stundenlang, es gab ja zum Glück bald die ersten Flatrates (lacht). Gespräche werden weniger, das beginnt früh. In der Straßenbahn sehe ich selten noch Kinder oder Jugendliche, die sich unterhalten und sich dabei, wie wir hier, in die Augen schauen, stattdessen wird am Smartphone rumgetippst.
Ursula Weber: Was mich erschreckt, das sind die Schulkinder, die noch einen Ranzen auf dem Rücken tragen und in der Hand ganz selbstverständlich ein Handy haben. Da geht schon was verloren. Aber die kennen das ja nicht anders. Die haben ihre Zeit, ich hatte meine Zeit. Ich weiß ja nicht, was meine Eltern dachten, wenn ich draußen zugange war. Aber die hatten definitiv nicht so eine Angst um mich. Die wussten immer, wo ich war und was ich gemacht habe. Und dass ich mir wieder den Arm gebrochen habe, weil ich mit den Rollschuhen über den Gullydeckel gestolpert bin (lacht).

Für Kinder ist es heute offenbar schwieriger, Abenteuer wie die junge Ursula zu erleben. Aber was hat sich aus Ihrer Sicht zum Positiven entwickelt, Frau Di Martino?
Rebecca Di Martino: Wir werden alle älter, müssen daher aber immer länger arbeiten. Und da ist es wichtig, auf sich selbst zu achten. In diesem Punkt hat sich etwas zum Positiven verändert, finde ich. Es gibt ein größeres Verständnis dafür, dass jeder Mensch ein Individuum ist mit eigenen Bedürfnissen. Gerade auch, was die mentale Gesundheit anbetrifft.
Ursula Weber: Ich fand es zu meiner Zeit okay, so wie es war. Ich hatte aber das Glück, dass mein Chef großes Verständnis dafür hatte, wenn ich früher Feierabend machen musste, weil mein Sohn mal wie der vom Baum gefallen war, er hatte selbst zwei Söhne. Dann holte man die Stunde eben eine Woche später nach. Auch mit den Kollegen hat es nie Stress gegeben. Man hat sich schon mal gefetzt, das gehört dazu. Aber ansonsten habe ich mich da immer sehr wohl gefühlt.
Rebecca Di Martino: So erlebe ich das zum Glück auch heute noch. Wenn familiär etwas ist oder es geht einem nicht gut, dass man da eine Lösung findet. In diesem Sinne hat sich nichts verändert, zumindest, wenn man entsprechende Vorgesetzte hat.
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Das darf also gerne so bleiben. Aber wenn Sie sich eine Veränderung wünschen dürften, welche wäre das?
Ursula Weber: Ich würde gerne den Trump in die Wüste schicken. Ich kann nicht verstehen, wie ein amerikanisches Volk, ein junges Volk, einen solchen Menschen zum Präsidenten wählt. Wie der mit der Macht spielt und mit den Menschen, mit solchen Androhungen. Das hätte man nicht für möglich gehalten.
Rebecca Di Martino: Mein Wunsch? Global betrachtet: weniger Kriege. Was ich mir persönlich wünsche, ist eine weitere gesellschaftliche Öffnung beim angesprochenen Thema mentale Gesundheit. Ich selbst habe ADHS. Dass man da nicht gleich abgestempelt wird, nach dem Motto: okay, faul – und tschüss. In diesem Sinne kann es gerne ein wenig so wie früher sein: dass man wieder mehr das persönliche Gespräch sucht und das Smartphone mal wegsteckt.
Ursula Weber: Veränderung soll ja auch möglich sein. Sie sollte allerdings Hand und Fuß haben. Aber jeder hat nun mal andere Hände und andere Füße.

