„Nachfragen, nicht wegsehen!“

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Bei einem Vortrags- und Diskussions-Abend zum Thema seelische Gesundheit der Graf Recke Diakonie in Kaarst stellte die gebürtige Kaarsterin Lea Dietzfelbinger ein EU-Programm zur Stärkung der Rechte junger Menschen vor. In der folgenden Diskussion ging es um verstärkten Leidensdruck von Kindern und Jugendlichen in einer krisenbehafteten Welt, die Rolle von Social Media – und wie Betroffenen geholfen werden kann. Der Erste Schritt: Aufmerksam sein und miteinander ins Gespräch kommen. Ohne Tabus.

Jeder sechste junge Mensch zwischen 15 und 26 Jahren in Deutschland hat psychische Probleme. Das ist die Erkenntnis von Lea Dietzfelbinger, Youth Advocate bei Mental Health Europe in Brüssel. Es sei daher an der Zeit, das Bewusstsein für die mentale Gesundheit junger Menschen zu stärken und bei Belastungen Lösungen anzubieten, sagte die gebürtige Kaarsterin, aus Brüssel zugeschaltet, bei einem Vortrags- und Diskussionsabend unter der Schirmherrschaft der Graf Recke Diakonie im Pfarrzentrum St. Martinus in Kaarst. Im Rahmen der „Woche der seelischen Gesundheit“ bildete der Fachimpuls „Mental Health – (nicht nur) ein Thema für junge Menschen in der EU“ die Grundlage für den anschließenden Austausch. 

Es seien ihre ganz persönlichen Einschätzungen zum Thema, betonte Lea Dietzfelbinger, die seit rund zwei Jahren an dem Programm des europäischen Netzwerkprojekts mitarbeitet, und das sich für die Rechte junger Menschen einsetzt. Bereits in ihrer Bachelor-Arbeit habe sie sich mit der mentalen Gesundheit von Menschen während der Corona-Zeit beschäftigt, so die 26-Jährige. Auch sie selbst habe unter der Situation gelitten, sich aber auf die Unterstützung durch Freunde und Familie verlassen können. „Aber: Nicht jeder hat einen solchen Unterstützerkreis.“

Leitfaden für Betroffene erarbeitet

Und so war es für sie ein Anliegen, sich genau in diesem Feld bei der Nichtregierungsorganisation (NGO) Mental Health Europe einzubringen. Ziel des Programms sei es, „junge Menschen sichtbar zu machen und das Bewusstsein für mentale Gesundheit zu stärken“, so die Projektmitarbeiterin. „Wie können wir darüber reden, ohne Stigmata zu verstärken?“ Die Antwort seien unter anderem Leitfäden, die man im Team für acht europäische Länder entwickelt habe. Dazu habe man die Lage in diesen Ländern untersucht, unter anderem in Deutschland. 

Der unter www.mentalhealtheurope.org/youthmentalhealth/ abrufbare Leitfaden sei für Betroffene und Angehörige gleichermaßen hilfreich: „Wie erkenne ich, ob ich im mentalen Bereich Hilfe benötige? Wo finde ich Unterstützung oder einen Therapieplatz.“ 

Dass gerade Kinder und Jugendliche in diesem Zusammenhang zu wenig im Blickfeld sind, darin war sich Lea Dietzfelbinger mit den Teilnehmenden an diesem Abend einig. Mentale Gesundheit sei daher ebenfalls ein Thema für Schulen, Universitäten, Unternehmen. Dabei gehe es nicht nur um Aufklärung, man brauche zudem konkrete Anlaufstellen und müsse in Prävention investieren, fordert sie. Doch politisch sei aktuell eher das Gegenteil der Fall, europaweit. Gelder flössen mehr in Verteidigung, nicht in Gesundheit. Selbst ihr Programm sei bislang über 2026 hinaus nicht gesichert. „Wir sind da im Moment in Verhandlungen.“

Angst vor Kosten, Klimawandel, Krieg

Wie wichtig das Thema ist, darauf machte Mona Morgenstern, Bereichsleiterin im Geschäftsfeld Graf Recke Teilhabe & Selbstbestimmung, im Anschluss deutlich. Sie hatte Daten aus der EU mitgebracht, welche Sorgen (nicht nur) junge Menschen umtreiben: Demnach fühlen sich derzeit 41 Prozent mit den Lebenshaltungskosten überfordert, 30 Prozent sorgen sich um die globale Stabilität; aber auch der Klimawandel, Migration und Terrorismus seien für viele belastende Themen, sagte sie. Die Folge: „EU-weit lebt ein Siebtel der 15 bis 19-Jährigen mit einer psychischen Erkrankung“, so die Diplom-Kommunikationspsychologin, die den Abend gemeinsam mit der Öffentlichkeitsarbeiterin Ulrike Brinkmann aus einer Arbeitsgruppe des Runden Tisches der Stadt Kaarst organisiert hatte. 

Die Zahlen seien in den vergangenen 15 Jahren um ein Drittel gestiegen, weiß Mona Morgenstern aus der Statistik. Überproportional vertreten seien dabei Mädchen. Dass Social Media Ängste noch verstärkt, indem die Weltkrisen über das Smartphone stets präsent sind, dieser Eindruck ist nicht nur bei Lea Dietzfelbinger im Zuge ihrer Arbeit entstanden. Auch aus dem Publikum wurden ähnliche Eindrücke zurückgemeldet. Ob ein Social-Media-Verbot für Jüngere ein Teil der Lösung sein könnte? Diese Frage mochte Dietzfelbinger nicht abschließend beurteilen. „Aber man könnte zumindest darüber nachdenken“, meinte sie. 

Für Ulrike Brinkmann, die an dem Abend die Moderation übernommen hatte, ist es fraglos von Bedeutung, Eltern und Lehrkräfte mit ins Boot zu holen. „Und es muss sich keiner schämen, darüber zu sprechen.“ Doch woran, so fragte sie, erkenne man, wenn aus einer vorübergehenden Belastung eine Krankheit werde? Laut Mona Morgenstern, die in Kaarst seit mehreren Jahren eine Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung leitet, gibt es darauf keine allgemeingültige Antwort. „Ein Anzeichen wäre, wenn der Mensch selbst oder sein Umfeld bemerkt, dass der Betroffene in der sozialen Teilhabe eingeschränkt ist“, sagt sie. Letztlich aber müsse diese Frage ganz individuell beantwortet werden. 

Und es muss sich keiner schämen, darüber zu sprechen.

Ulrike Brinkmann

Warten auf einen Therapieplatz

Im Notfall jedoch wäre es zentral, dass Menschen schnell und unbürokratisch Hilfe finden. Doch dem ist nicht so: Siegrid Geiger, evangelische Seelsorgerin am Neusser Johanna-Etienne-Krankenhaus, berichtete vom Fall einer jungen Frau mit Depressionen, die sie begleite. Diese habe sich im Dezember 2025 endlich dazu durchgerungen, in die Notaufnahme zu gehen. „Die Einladung zum Vorgespräch für eine Psychotherapie bekam sie für Mai“, berichtet die Pfarrerin. „Ich empfand das als extrem bitter.“ Doch das Problem der langen Wartezeiten werde eher schwieriger als leichter, sollte die – derzeit gerichtlich ausgesetzte – Absenkung der Vergütung für psychotherapeutische Leistungen doch noch kommen, betont Mona Morgenstern. „Wir müssten den gegenteiligen Weg gehen und im besten Fall mehrgleisig Unterstützung bieten.“ 

Niederschwellige Angebote seien ein wichtiger Baustein, betonte Nilofar Madani Pour, Assistentin für soziale Teilhabe im Team von Mona Morgenstern. Auch professionelle Apps könnten helfen, weil sie dem gelebten Alltag junger Leute entsprechen. „Als junger Mensch will man so normal wie möglich sein, zu den Coolen gehören, akzeptiert werden“, gab sie zu bedenken. Andererseits, und das ermutige sie, kämpften die Jüngeren verstärkt auch für ihre Rechte und nutzten ihre Stimme.

So wie Zoheib Zabihi, Student und stellvertretender Vorsitzender des Jugendparlaments der Stadt Kaarst, etwa. Der 21-Jährige sieht durchaus Fortschritte, nicht nur in der Schulsozialarbeit, die es seines Wissens an allen städtischen Schulen mittlerweile gebe. Auch Veranstaltungen wie diese zur Woche der seelischen Gesundheit oder Präventionsarbeit, „das gab es zu meiner Schulzeit so nicht“, sagte er. Er erkennt ein insgesamt „gutes Setting“ in Kaarst, angesprochen auf den Wohlfühlfaktor der Stadt. Was er sich dennoch wünsche: Dass politisch Verantwortliche die Aktionswoche dafür nutzten, auch darüber hinaus auf das Thema seelische Gesundheit aufmerksam zu machen. 

Es geht um physische Begegnungen

Für einen Mann im Publikum kommt das auf tragische Weise zu spät. Er habe seine Tochter durch Suizid verloren, wie er berichtete. Sein Eindruck: „Kinder und Jugendliche werden in ihren Sorgen nicht ernst genommen.“ Der Appell von Nilofar Madani Pour lautet daher: Nicht wegsehen, wenn man den Eindruck hat, dass es jemanden nicht gut geht, sondern nachfragen. „Wir müssen im Gespräch bleiben“, forderte sie. Es gehe auch um physische Begegnungen, da sei in den letzten Jahren „viel verloren gegangen“. In diesem Sinne war der Abend im Pfarrzentrum ein Schritt zurück nach vorn.

Man wolle aufklären und zur Enttabuisierung psychischer Beschwerden beitragen, hatte Mona Morgenstern zu Beginn der Veranstaltung betont. Wenn man nach konkreten Unterstützungsangeboten frage, sei das erste was man höre: „Wir haben Haushaltssperre“, merkte Ulrike Brinkmann bei der Begrüßung an. Für sie kein Grund für Fatalismus. „Wir stemmen das gemeinsam, weil uns das wichtig ist“, sagte sie mit Blick auf ihre ausrichtende Kollegin. „Denn miteinander ins Gespräch zu kommen ist wichtig, und es kostet nichts.“ 

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