Mit Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit
Nach mehr als 17 Jahren geht Petra Skodzig von Bord eines Schiffs, das sie damals in schwerer See wieder auf Kurs gebracht hat. Im Interview mit Unternehmenssprecher Roelf Bleeker blickt sie zurück auf Meilensteine, Erfolge als auch „teils existenzielle Herausforderungen“ und wirft einen Blick voraus auf ihre Zeit nach Graf Recke.
Liebe Frau Skodzig, Sie kamen 2008 aus der Verantwortung für ein Krankenhaus sowie Altenheim in Duisburg in eine diakonische Stiftung. Wie viel von Ihrem vorherigen „Handwerkszeug“ konnten Sie weiter nutzen oder mussten Sie aber beiseitelegen, um Neues zu lernen?
Glücklicherweise konnte ich auf meinen beruflichen Erfahrungen im Krankenhaus- sowie Altenheimbereich aufbauen, wobei ich mich natürlich sehr intensiv in die Belange der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Geschäftsbereiches Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik fachlich-inhaltlich neu einarbeiten musste. Bei den reinen betriebswirtschaftlichen Instrumenten sehe ich keinerlei Unterschiede und die Bilanzen sind sowohl im Krankenhaus als auch im Stiftungsbereich entweder schwarz oder rot, schlimmstenfalls dunkelrot. Schon im Rahmen meiner ersten Besuche der einzelnen Standorte sind mir allerdings sowohl die Kolleginnen und Kollegen als auch unsere Klientinnen und Klienten sehr ans Herz gewachsen. Unsere Stiftung ist bunt und bewegt. Dies macht sie aus und daher war und ist die Tätigkeit genauso spannend sowie vielfältig wie im Krankenhausbereich.

Es ging der Graf Recke Stiftung zu dieser Zeit wirtschaftlich nicht gut und auch fachlich gab es Fehlentwicklungen, deren konsequente Aufarbeitung Sie umgehend mit einer umfassenden Neuaufstellung angegangen sind. Sie haben den wirtschaftlichen Turnaround gemeistert und die Stiftung fachlich weiterentwickelt. Heute hat sich die Zahl der Mitarbeitenden fast verdreifacht und der Umsatz vervielfacht. Die Ergebnisse waren nach dem Turnaround durchweg im teils deutlich positiven Bereich und die Eigenkapitalquote liegt heute bei fast 60 Prozent. Gab es diesen einen Veränderungsmoment in der Graf Recke Stiftung, der entscheidend war für diesen weiteren Weg?
Es war sicherlich nicht der eine Veränderungsmoment. Dennoch ist unser offener und transparenter Umgang mit der Lernfensterkrise gleich zu Beginn meiner Tätigkeit herauszustreichen. Mit dem damit einhergehenden Neuaufbau des traditionell ältesten Geschäftsbereiches Erziehung & Bildung sowohl nach Ex- als auch Intern konnten wir verloren gegangenes Vertrauen sukzessive wiederaufbauen und so ein festes Fundament für eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft schaffen.
Und natürlich waren die Planung und Realisierung der ersten integrativen Quartiersprojekte in unserer Stiftung ein deutlich spürbarer Aufbruch. Wir haben hier erstmals ein bereichsübergreifendes Angebotsportfolio durch unterschiedliche Geschäftsbereiche konzipiert. Die Quartiersprojekte in Neumünster und im Ahorn-Karree im Dorotheenviertel Hilden haben mit ihrer bundesweiten Sichtbarkeit als Leuchtturmprojekte zu dieser positiven Entwicklung einen deutlichen Beitrag geleistet. Ebenso erfolgreich wird sich auch unser neuer Standort im Graf Recke Quartier Leverkusen in den kommenden Jahren entwickeln, da bin ich mir sicher. Einen ganz starken Beitrag hierzu hat sicherlich auch unsere modernisierte Öffentlichkeitsarbeit geleistet.
Diese positive Entwicklung konnte zudem nur gelingen, durch unsere hochengagierten und qualifizierten Kolleginnen und Kollegen in allen Bereichen der Stiftung, die insbesondere auch in Krisenzeiten nicht aufgegeben und an eine Zukunft unserer Stiftung geglaubt haben.
Ich bin bekannt dafür, dass mir Werte wie Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sehr wichtig sind und ich konnte immer ein gutes Miteinander aufbauen, was den Arbeitsalltag, gerade auch in sehr angespannten Situationen, oftmals leichter gemacht hat.
Diakonie ist weiblich, heißt es, und in den Beschäftigtenzahlen drückt sich das auch in der Graf Recke Diakonie so aus. An der Spitze der meisten Unternehmen wird die Zahl der Frauen dann meist deutlich geringer. Wie haben Sie Ihre Rolle als weibliche Führungskraft erlebt, was hat sich in den Jahren verändert und was raten Sie Ihren Kolleginnen, die in ähnlicher Position wie Sie sind oder sich dorthin entwickeln?
Während meiner Tätigkeit im Johanniterverbund war ich eine der ersten Frauen, die seinerzeit Führungsverantwortung übernommen haben. In einem traditionsreichen Unternehmensverbund mit über 900-jähriger Geschichte schon auch eine echte Herausforderung.
Fairness bedeutet auch, Barrieren abzubauen, zum Beispiel durch transparente Kriterien, Mentoring, flexible Arbeitsbedingungen und eine Kultur, die Vielfalt als Gewinn versteht.
Dennoch habe ich während meines Berufslebens, neben Rückschlägen, auch immer wieder große Fürsprache und Unterstützung erfahren. Beispielsweise haben der damalige Kurator, Dr. Otto Graf Lambsdorff, sowie der ehemalige Ordenskanzler Hans-Dieter von Meibom, meinen beruflichen Lebensweg entscheidend geprägt, da sie sich seinerzeit für meine Berufung zur Krankenhausdirektorin persönlich stark gemacht hat. Der damalige Präses unserer Stiftung, Dr. Reinhard Frhr. v. Dalwigk, hat mir die Chance gegeben, mich als Finanzvorständin der Graf Recke Stiftung zu verwirklichen. Mit unserem Präses Herrn Dr. Nockelmann entwickelte sich in den Folgejahren eine von gegenseitigem Vertrauen geprägte konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle unserer Stiftung. Im Rahmen dieser langjährigen Zusammenarbeit habe ich immer Freiräume nutzen können, so dass mir meine Tätigkeit Spaß gemacht hat, gerade aufgrund der Gestaltungsspielräume, die ich als große Bereicherung empfunden habe.
Meine klare Haltung war es daher schon immer, dass es nicht darum geht, Frauen gegen Männer auszuspielen oder festzustellen, wer besser geeignet ist. Es geht darum, Führungspositionen konsequent nach Qualifikation, Leistung und Potenzial zu vergeben. Geschlecht, Herkunft oder andere Merkmale dürfen dabei keine Rolle spielen. Wenn eine Person die erforderlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Werte mitbringt, verdient sie die Chance, zu führen.
Gleichzeitig gilt: Fairness bedeutet auch, Barrieren abzubauen, zum Beispiel durch transparente Kriterien, Mentoring, flexible Arbeitsbedingungen und eine Kultur, die Vielfalt als Gewinn versteht. Am Ende zählt immer die beste Entscheidung für das Unternehmen, und diese Entscheidung basiert auf Kompetenz, Ergebnissen und Führungspotenzial, nicht auf Geschlecht. Dies ist und bleibt mein Credo. Von daher habe ich mich in vielen Diskussionen auch immer konsequent gegen eine Frauenquote ausgesprochen, da engagierte und gut qualifizierte Frauen sich durchsetzen werden.
Es entsprach und entspricht zudem nicht meiner Natur, Themenstellungen oberflächlich anzugehen. Meine erfolgreiche Tätigkeit sehe ich darin begründet, mich mit ganzer Kraft den jeweiligen, teils existenziellen Herausforderungen gestellt, zielgerichtet gearbeitet und dennoch großen Wert darauf gelegt zu haben, das große Ganze nie aus den Augen zu verlieren. An meine direkte Art mussten sich die Kolleginnen und Kollegen zu Beginn meiner Tätigkeit sicherlich gewöhnen, aber sie haben verstanden und wissen, dass ich diese Art des Umganges auch mir gegenüber von ihnen immer erwartet habe. Denn man wächst in erster Linie an der erfolgreichen Bewältigung von Krisen sowie Konflikten. Man muss sich im Leben entscheiden, für welche Themen man sich aktiv einsetzen möchte und diese dann konsequent weiterentwickeln.
Welche äußeren Umstände haben Ihre Zeit hier besonders geprägt?
Eine der größten Veränderungen brachte natürlich die Coronapandemie. Das war eine komplett neue Situation, in der wir auf keine Erfahrungen der Vergangenheit zurückgreifen konnten und dennoch existenzielle Entscheidungen für die uns anvertrauten Menschen treffen mussten. Wären wir damals nicht so resilient gewesen, hätten wir das nicht geschafft. Wir haben in der ersten Phase in täglichen Statusterminen alle Entwicklungen und Maßnahmen besprochen. Und weil wir dadurch immer die neuesten Zahlen hatten, hat uns das nach und nach auch Sicherheit gebracht – obwohl wir aufgrund der völlig neuen Situation nie genau wissen konnten, ob wir das Richtige tun. Diese Erfahrung wird sicher ein Rezept auch für die Zukunft sein, alle fachlichen Kompetenzen in einer solchen Situation zu bündeln in einer Taskforce wie damals.
Insgesamt haben aus meiner Sicht die zwingend erforderlichen, häufig auch raschen Reaktionen der Stiftung auf die sich permanent verändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen die Stiftung nachhaltig verändert. Und diese herausfordernden Entwicklungen werden sich auch in der Zukunft fortsetzen. Meine feste Überzeugung ist, dass die Stiftung darauf auch zukünftig jeweils adäquat reagieren wird.
Spürbar verändert haben sich allerdings auch unsere Rollen als Führungskräfte insbesondere in den letzten zehn Jahren: Die Generationen Y und Z brauchen eine andere Ansprache und wollen stärker einbezogen werden. Das war eine der größten Herausforderungen für mich, da ich aus einer Generation komme, die klare Vorgaben bevorzugt.
„Geh nicht nur die glatten Straßen. Geh Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub.“ Diese Worte von Antoine de Saint-Exupéry haben Sie im Laufe Ihrer Jahre bei der Graf Recke Stiftung gerne zitiert. Wenn Sie jetzt zurückblicken: Welche Spuren, die Sie zweifelsohne hinterlassen haben, gefallen Ihnen am besten?
Als Meilensteine sind hier sicherlich die Quartiersprojekte in Neumünster, im Dorotheenviertel Hilden, in Mülheim an der Ruhr und auch die Planung für das Graf Recke Quartier Leverkusen zu nennen. Es war mir persönlich immer ein Herzensanliegen, den Neubau unseres Ahorn-Karrees mit dem ganz besonderen Betreuungskonzept voranzubringen, da ich über viele Jahre im familiären Kontext Erfahrungen mit der Erkrankung Demenz machen musste und daher nur zu gut weiß, wie extrem belastend diese Erkrankung für die Betroffenen aber auch die pflegenden Angehörigen sein kann. Mit diesem bundesweit einmaligen Konzept stellen wir eine hohe Lebensqualität sowohl für die Klientinnen und Klienten als auch ihre Angehörigen sicher. Kaum zu ertragen war für mich daher die über mehr als vierjährige Bauzeitverzögerung aufgrund der zu verzeichnenden eklatanten Wasserschadensfälle. Auch diese missliche Situation konnte im Zusammenspiel aller Verantwortlichen und extern Beteiligten am Ende erfolgreich gemeistert werden. Ganz großartig war es für mich zu sehen, dass mit dem Einzug der ersten Bewohnerinnen und Bewohner sehr rasch deutlich wurde, dass unser Konzept aufgeht.
Ebenso als einen Meilenstein sehe ich den seit 2009 vollzogenen stringenten Auf- und Ausbau des ambulanten Dienstleistungsportfolios mit dem Familien unterstützenden Dienst und dem ambulanten Pflegedienst recke:mobil, zumal dieser Bereich, wirtschaftlich betrachtet, im Verlauf der Jahre zu einer Ergebnisstärkung beigetragen hat.
Ein weiterer, zukunftsweisender ganz wesentlicher Meilenstein ist aus aktueller Sicht die planmäßige Umsetzung des großen Transformationsprozesses zum 1. Mai 2026, wobei es durchaus erwähnenswert ist, dass die Besetzung der neuen Geschäftsfeldverantwortlichen und Geschäftsführungen ausnahmslos stiftungsintern erfolgen konnte.
Es ist schon ein beruhigendes Gefühl, mit dem Eintritt in den Ruhestand die Verantwortung in kompetente Hände legen zu können. Mein großer Dank gilt allen Beteiligten für die erfolgreiche Bewältigung des extrem komplexen Transformationsprozesses, der sich über den Zeitraum von gut eineinhalb Jahren hinzog und neben dem ohnehin schon sehr umfangreichen Tagesgeschäft realisiert werden musste.

Mit Eintritt in den Ruhestand ändern sich einige Abläufe und Gewohnheiten – für jemanden wie Sie, deren Arbeitstag früh morgens beginnt und bis in den Abend dauert, sehr oft auch am Wochenende, sicher eine enorme Umstellung. Wissen Sie schon, wie Sie Ihren Ruhestand gestalten? Welche Gewohnheiten wollen Sie mitnehmen und welche bewusst hinter sich lassen?
Meine Pläne sind, dass ich zum einen noch temporär für unsere Stiftung in beratender Funktion tätig sein werde, um größere Projekte abzuschließen. Nach dieser Zeit kann ich mir durchaus vorstellen, auch andere Unternehmen fachlich zu beraten und meine langjährigen Erfahrungen einzubringen. Darüber hinaus freue ich mich schon riesig darauf, mehr Zeit als bisher für Freizeitaktivitäten und Reisen einzuplanen. Mit meiner Familie möchte ich nach Schottland und Irland reisen, zu diesen Ländern haben wir schon lange eine große Affinität, ich selbst aber leider keine Zeit gehabt. Auch möchte ich die Zeit nutzen für Kunst, Museen, Musik und Lesen, und ich werde viel in Berlin sein, wohin ich durch meine Familie schon einen engen Bezug habe. Ich werde aber wohl in den ersten Jahren zwischen Kaiserswerth und Berlin pendeln, denn Kaiserswerth ist für mich ein Ort mit Seele, an dem ich damals nach meinem Umzug hierher sehr schnell angekommen bin. Ansonsten lasse ich mich überraschen und es auf mich zukommen.


















